Dia-Show

Passauer Neue Presse, Lokalredaktion Grafenau, 19/20.08.2006
Artikel "Man darf nicht, aber man kann" sowie "Blick hinter den Tschador" von Ursula Langesee (Stv. Redaktionsleiterin)


„Man darf nicht, aber man kann“

Der Iran macht vor allem als politischer Unruheherd und möglicher künftiger Atomstaat Schlagzeilen. Doch es gibt auch den anderen Iran, den Iran der Frauen

Jek-do, jek-do, jek-do - unermüdlich schwingt Taraneh ihre Arme in die Höhe, findet noch Zeit, in ihre Trillerpfeife zu blasen und die anderen 15 Frauen zu Leibesübungen anzuspornen. Eifrig biegen sich die 40- bis 60-Jährigen im Rhythmus der pulsierenden Techno-Musik. Sie hören nicht mehr die Vögel im Shafaq-Park, ignorieren die vorbeihetzenden Jogger.

Und ich bin mittendrin. Treffe mich mit Teheranerinnen um sechs Uhr früh zur Gymnastik und wundere mich über ihre Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Dabei muss es ihnen mindestens doppelt so heiß sein wie mir. Sie tragen über knöchellangen Hosen weite langärmelige Mäntel, die bis über die Knie reichen, und ein fest gebundenes Kopftuch - Kleiderkodex in der Islamischen Republik Iran im 27. Jahr der islamischen Revolution.

Die Frauen scheint der Hijab nicht zu stören. Für mich und meine Kolleginnen auf der Frauenreise ist das Stück Stoff auf unseren Köpfen und die vorgeschriebene wallende Kleidung dagegen Gesprächsthema Nummer eins. Müssen wir uns schon vor dem „Iran Air“-Schalter in Frankfurt verhüllen? Was passiert, wenn wir bei 35 Grad Hitze in Persepolis die warme Kopfbedeckung einfach abnehmen und die Ärmel zurückschieben? Darf das Kopftuch bunt sein? Viele Fragen, große Unsicherheit.

Aus westlicher Sicht erscheint das Bild der Frau im Iran meist in einem düsteren Licht: blasse Geschöpfe, unterdrückt, unmündig und ungebildet, wie Schatten in schwarzen Tschadors umherhuschend und vor den Männern kuschend. Die Realität ist anders, differenzierter. 40 Prozent der Iranerinnen sind berufstätig, 63 Prozent der Studierenden sind weiblich. Persische Frauen dürfen wählen, sie fahren Auto, behalten bei der Heirat ihren Namen, können die Scheidung einreichen und selbst eine Wohnung mieten. Aber sie sitzen auch im Bus hinten, benutzen am Flughafen eigene Eingänge, geben Männern nicht die Hand, vermeiden den Augenkontakt mit ihnen und sind als Zuschauerinnen bei Fußballspielen ausgeschlossen.

Diese Grenzen werden durch zivilen Ungehorsam immer wieder in Frage gestellt. „Man darf nicht, aber man kann“, beschreibt die 35-jährige Kunsthandwerkerin Mehrangiz aus Shiraz die Haltung vieler ihrer Geschlechtsgenossinnen. Übers Internet und die verbotenen Satellitenschüsseln sind die Frauen auf dem neuesten Stand, was Mode und Kultur in der westlichen Welt betrifft.

So weicht der Ganzkörperschleier zumindest in den Städten mehr und mehr figurbetonten, kurzen Manteaus in peppigen Farben. Darunter blitzen Designerjeans hervor und Sneakers, gefertigt beim „Großen Satan“ USA. Das wild gemusterte, schreiend bunte Kopftuch ist auf Taschentuchgröße zusammengeschrumpft und hält irgendwie noch am Hinterkopf. Blond gesträhnte lange Haare quellen überall hervor, umrahmen ein geschminktes Gesicht mit stark betonten Augen und vollen, leuchtend rot ausgemalten Lippen.

Moscheetauglich ist dieses Outfit nicht, aber gerade richtig für das Vergnügungs- und Flanierviertel Darband im Norden von Teheran, am Fuße des Alborzgebirges. Hier treffen sich die jungen Leute, flirten mit den Augen, halten verstohlen Händchen oder gehen zusammen ein „Zam Zam“, das iranische Cola, trinken.

Inmitten dieses quirligen, unbekümmerten Völkchens in seinen bunten Kleidern sind wir Europäerinnen in unserer zusammengewürfelten Tracht aus Mamas Blusen, Omas Mantel und Kopftüchern im Stil zwischen Trümmerfrauen und Lawrence von Arabien die Exoten. Spontan werden Fotohandys gezückt, um diese seltsamen Gestalten festzuhalten. Sehr offen und freundlich bitten die jungen Iranerinnen um ein Gruppenfoto. Schnell entwickelt sich ein Gespräch mit den Frauen aus „Allemagne“, meist auf Englisch. Es bleibt nicht beim Smalltalk. Was denkt ihr als Deutsche über unser Land? Was gefällt euch hier, was stört? Welchen Eindruck nehmt ihr von uns mit nach Hause? Begierig sind die jungen Frauen auf den Austausch und auf ehrliche Antworten.

„Iran bedeutet ja: dem Fremden gegenüber freundlich“, bestätigt Simin Rastegar. Die 59-jährige Germanistin und Hebamme ist Vorsitzende der Deutsch-Iranischen Gesellschaft in Passau und versucht von Deutschland aus, die Ängste und Vorbehalte gegenüber ihrer Heimat abzubauen. Obwohl sie gegen den Kopftuchzwang ist, hat sie selbst erlebt, wie die Würde der Frau durch die Kleidervorschriften nach der Revolution gewachsen ist. „Während der Schah-Zeit war ich im Minirock in einem Basar in Teheran unterwegs. Die Männer haben mich angestarrt und nach mir gegrapscht. Das passiert jetzt nicht mehr.“

Tatsächlich wirken Kopftuch und weite Kleidung wie eine Schutzhülle. Wir bleiben unbehelligt, auch verbal. Höchstens ein freundliches „Hello“ schallt uns mal von männlicher Seite entgegen. Selbst der grimmig dreinblickende Kontrolleur am Flughafen, der beunruhigend lange die Seiten meines Reisepasses hin- und herblättert, wünscht schließlich „Gute Reise“ und schickt ein „Kommen Sie bald wieder“ nach.

Ja, ich werde wiederkommen. Denn ich habe ein Land kennengelernt, das fasziniert durch seine Jahrtausende alte Geschichte und Kultur, verwirrt durch seine Gegensätzlichkeiten und begeistert durch seine liebenswerten Menschen. Das eigene Erleben hat so manchen Schleier der Unkenntnis zerrissen, der den Iran umgibt. Und ich habe mich schon so an den Anblick verhüllter Frauenköpfe gewöhnt, dass mir zurück in Deutschland die Frauen seltsam nackt vorkommen.


"Blick hinter den Tschador"

Anfang Oktober führt der Veranstalter TRH-Erlebnisreisen erstmals eine Reise nur für Frauen in den Iran durch. Der „Blick hinter den Tschador“ soll den Schleier lüften, der das alte Persien, nach europäischer Sicht, so sehr einengt.

Der Schwerpunkt der 14-tägigen Reise liegt auf Begegnungen mit den Menschen und den iranischen Frauen im Speziellen, die als aufgeschlossen, engagiert und sehr gastfreundlich gelten. Bei Treffen mit Studentinnen und Lehrerinnen in den Universitäten in Teheran und Isfahan, beim gemeinsamen Bummel über die Basare und Einkaufszentren und dem Austausch mit Mitgliedern einer Frauenvereinigung und einer Umweltschutzgruppe lernen die Besucherinnen aus Europa die unbekannte Parallelwelt der modernen iranischen Frau kennen.

Viel Raumwird bei dieser Flug-Bus-Reise auch der großartigen Geschichte Persiens, seinen Traditionen, seiner Kochkunst und Poesie gewidmet. So stehen Ausflüge ans Kaspische Meer, zur antiken Achämeniden- Hauptstadt Persepolis, nach Shiraz, Isfahan, Teheran, den Tee-Plantagen bei Lahidjan, den malerischen Gebirgsdörfern Masouleh und Abyaneh und in das schon im 7. vorchristlichen Jahrhundert bekannte Hamadan auf dem Programm.