Dia-Show

Wenn das Meer flüstert
Mit Gulet und Wanderschuhen entlang der türkischen Ägäis
Nach einer spannenden Reise in die Vergangenheit lockt das türkisblaue Meer
Fuldaer Zeitung - Magazin am Wochenende - Iris Mehler

Türkische Ägäis einmal anders: Mit dem Gulet lässt sich Außergewöhnliches entdecken. Fotos: Iris Mehler Entdeckungsreise über zarte Hügel und wildromantische Berge. Von Iris Mehler Hier kann man bleiben. Hier muss man nicht wieder fort. Hier setzt man sich einfach hin. Ist angekommen. Schaut vom Deck des Zweimasters aus zu, wie die aufgehende Sonne das Dämmerlicht auslöscht und sich golden strahlend an den Horizont setzt. Beobachtet, wie sich der Himmel über der türkischen Ägäis von schwarz über dunkel- bis kobaltblau einfärbt. Hört zu, wie das Wasser mit den Felswänden tuschelt und ihnen geheimnisvolle Geschichten der vergangenen Tage und Wochen zuflüstert. Lauscht dem Gezwitscher einiger Vögel in der salzhaltigen Luft: Es klingt wie Musik in den Ohren. Auf dem Motorsegler ist es noch still, nichts regt sich. Nicht einmal der Kapitän kommt aus seiner Koje gekrochen, um den noch wundervoll jungfräulichen Tag zu begrüßen. Das sanfte, rhythmische Schaukeln des Zweimasters scheint die Reise ins Land der Träume zu verlängern. Auch eine Reise: die blaue. So heißt die Fahrt mit einem Motorsegler, einem so genannten Gulet, an der türkischen Ägäis zwischen Bodrum und Antalya. Bereits im 18. Jahrhundert unternahmen britische Aristokraten in diesem Gebiet „Bildungsreisen“, und in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts tauchten die ersten schnittigen Jachten auf: Die Leute nannten sich Aussteiger und kreuzten monatelang vor dem noch sehr unzugänglichen Küstenparadies der Südwesttürkei. Heute ist vieles anders, die Faszination jedoch geblieben. Die „blaue Reise“ lässt sich inzwischen pauschal buchen. Die Schiffe führen den Touristen zu den unzähligen kleinen Buchten, die zum Verweilen einladen, zu einer Entdeckungsreise an Land oder zum Bad im auffällig sauberen Wasser. Oft liegt – wenn überhaupt – nur noch ein zweiter Gulet vor Anker; zumindest in den Monaten April bis Juni und wieder ab September. Beginnt die Hauptsaison, kann es mit der Einsamkeit schnell vorbei sein. Jetzt aber erscheinen die abgelegenen Buchten und die Küstenabschnitte mit den zum Teil sanften Hügeln, zum Teil aber auch wildromantischen Bergen wie ein Wunder – ein blaues Wunder. „Günaydin“ – Guten Morgen. Der Kapitän ist inzwischen an Deck und strahlt mit der Sonne um die Wette. „Wieder ein schöner Tag. Gut geschlafen?“, fragt er auf Deutsch, nur mit leichtem Akzent. Der 64-Jährige heißt eigentlich Ünal Yurdagül, doch alle nennen ihn Kaptan, Kapitän. Das scheint ihm zu gefallen, ist der 20 Meter lange Zweimaster, nach alter Handwerkstechnik aus Holz gebaut und mit sechs Zweierkabinen ausgestattet, doch sein Zuhause. Natürlich habe er auch Haus und Familie, erzählt er, sie lebe in Dalaman. Aber mindestens ein halbes Jahr sei er mit dem Gulet unterwegs, um Touristen mit den Schönheiten seiner Heimat zu bezaubern. Und so manches Mal schlafe er auch auf dem Schiff, wenn keine Urlauber an Bord seien – Kaptan liebt es, Kaptan zu sein. Ob mit oder ohne Besatzung. Die Schiffsglocke ertönt, der Koch lädt ein zur ersten Mahlzeit des Tages. Obwohl Yusuf sein Handwerk nicht von der Pike auf gelernt hat, könnte er in einem Vier-Sterne-Hotel die Gäste mit Kulinarischem verköstigen. Jedes einzelne Gericht ist ein einziges Fest. Und leicht: Ob nun köfte (Hackfleischbällchen) oder mücver (Puffer, gefüllt mit Karotten, Zucchini und Kartoffeln), mercimek corbasi (pürierte Linsensuppe mit Koriander) oder die vielen Meeresfrüchte und Salate. Es ist noch früh am Morgen, und das ist auch gut so: Eine kleinere Wanderung steht auf dem Programm, und die sollte aufgrund der hohen Temperaturen zur Mittagszeit nicht zu spät begonnen werden. Der Zweimaster hat vor der byzantinischen Klosterinsel Gemiler Anker geworfen. Das etwa 1000 Meter lange und 400 Meter breite Eiland war früher dem heiligen Nikolaus geweiht; für die über das Meer reisenden Pilger nach Palästina war es eine wichtige Wallfahrtsstätte auf dem Weg in das Heilige Land. Die Ruinen des Klosters und zweier weiterer Kirchen sind letzte Zeitzeugen einer gläubigen Bevölkerung, die hier im vierten Jahrhundert nach Christus gelebt hat. Auch die Schneckenhäuser, die gegenwärtig zu Tausenden auf dem trockenen Boden herumliegen, sind unbewohnt – im Sommer eine unwirtliche Gegend. Nicht zuletzt aber für Archäologen ungemein interessant: Japaner kommen jedes Jahr nach Gemiler, um in die Vergangenheit einzutauchen. Überhaupt bietet die Region im Süden der Türkei, dem antiken Lykien, enorm viel Historisches. Die ehemalige griechische Stadt Kayaköy etwa: 1923 wurde sie von ihren Einwohnern im Rahmen von Umsiedlungsmaßnahmen verlassen und ist seither dem allmählichen Verfall preisgegeben. Die Türken, die gegen die Griechen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts „eingetauscht“ werden sollten, verweigerten die Anweisung, stattdessen bemächtigten sie sich der Dächer und Türen und bauten in unmittelbarer Nähe ihre eigene Stadt auf. Für das ehemals 1000 Einwohner große Kayaköy bedeutete das den Todesstoß. Lediglich die Kirchen trotzen beharrlich dem Verfall. Die Mühe lohnt auch eine etwas schweißtreibende, aber wunderschöne Wanderung auf Geißen- und Maultierpfaden durch hügelige Pinienwälder zu den griechisch-byzantinischen Ruinen von Ikaros. Fernab der Zivilisation leben hier lediglich Halbnomaden, die ihre Ziegen durch die Öde treiben. Sehr viel mehr Trubel, wenn auch durch Touristen verursacht, herrscht in Kaunos, der ehemaligen griechischen Hafenstadt aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, die heute an einem verlandeten Flussdelta liegt. Kaunos war einst ein bekannter Handelsknotenpunkt, vor allem für Salz und Sklaven. Mit diesem „weißen und schwarzen Gold“ ließ sich seinerzeit viel Geld verdienen. Die imposanten Ruinen des Theaters, des Tempels, der Stoa, einer kleinen byzantinischen Kirche und der römischen Bäder zeugen noch heute von einstiger Macht und Wohlstand. Besonders beeindruckend sind auch die lykischen Felsengräber aus dem 4. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe. Am Nachmittag, nach den Wanderungen in die Vergangenheit, lockt eine Abkühlung im türkisblauen Meer. Und wenn Kaptan schließlich dem Drängen des Windes nachgibt, seine gewaltige, elementare Kraft zu spüren, er die Segel setzt und der Bug schnaubend durch die See pflügt, dann ist das Glück perfekt. Ist eine andere einsame Bucht gefunden und der Anker geworfen, dann hat sich das Tageslicht längst davongeschlichen, dann spiegeln sich die Sterne im Meer. Hier kann man bleiben. Hier muss man nicht wieder fort. Hier setzt man sich einfach hin. Ist angekommen.

Veranstalter: TRH-Reisen bietet eine achttägige Wanderkreuzfahrt inklusive Flug ab/bis Frankfurt ab 980 Euro an. Telefon (040)81962129, Fax (040)81962130, E-Mail team@trh-reisen.de, Internet: www.trh-reisen.de Wanderungen: Die täglichen Wanderungen dauern zwischen drei und fünf Stunden.