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Hannoversche Allgemeine, 20. September 1997
Die Gedanken reduzieren sich auf wesentliche Dinge
von MANFRED KUNST
Gleich nach dem Aufbruch überholt eine Kolonne Landrover unsere Karawane. Etwas spöttisch blicken wir hinter der Staubfahne her. Nein, wir möchten nicht mehr tauschen. Drei Meter über dem Erdboden haben wir es uns auf dem Höcker eines Dromedars bequem gemacht. Auf dem nicht gerade breiten Rücken des Tieres muß man sich mit Holzsattel und schweren Wolldecken arrangieren und eine Art Schneidersitz einnehmen. Doch im Unterschied zur Fahrt im stickigen Jeep liegt endlose Freiheit zu unseren Füßen und die Hamada, die Steinwüste Süd-Tunesiens, vor uns: Vier Tage wollen wir die Einöde durchqueren, vier Nächte unter dem Sternenzelt schlafen. Bis das Ziel erreicht ist, die Oase Ksar Ghilane. Kein Spleen von überdrehten Europäern: Kameltrekking in der Sahara wird, seit mehreren Jahren von deutschen Reiseveranstaltern angeboten. Diese Art von sanftem Tourismus erschließt auch den Beduinenvölkern neue Einkommensquellen. Denn die Zeit der großen Karawanen ist lange vorbei, und so machen sich Touristen als Hüter von Traditionen nützlich, wenn sie sich von den beschäftigungslosen Dromedaren durch die Gegend schaukeln lassen. Für den Urlauber wird eine solche Reise ein Stück Selbstfindung: In der Weite der Wüste reduzieren sich Gedanken und Gespräche auf wesentliche Dinge, und man kann testen, wie man mit elementaren Kräften wie Hitze oder Staub fertig wird. Der erste Tag dieser Reise zum Ich ist allerdings Schonprogramm: Drei Stunden wandern vierzehn Kamele, zwei Esel, fünf Beduinen und sieben Urlauber bis zum vorgesehen Rastplatz in einer Mulde. Es folgen notwendige Handreichungen: Fürs Lagerfeuer trockenes Holz sammeln, Tasche oder Seesack vom Koffer-Kamel schnallen, Zelt aufbauen. Wobei Zelt nicht ganz das treffende Wort ist, denn der grobe, kamelwollene Aufbau ist nach einer Seite offen und hat keinen Boden. Uns Freizeitbeduinen treibt darob die Angst vor Skorpionen um, völlig unnötigerweise, wie unsere Begleiter versichern. Man müsse nur vorsichtig sein und morgens Schuhe und Kleidung ausschütteln. (Übrigens: Während der ganzen Tour kriegen wir kein einziges der giftigen Stacheltiere zu Gesicht). Die Skorpione sind spätestens vergessen, als die Beduinen köstliches Couscous mit Kürbis und Hammelfleisch servieren, das sie in einem großen Topf über dem Lagerfeuer zubereitet haben. Dazu gibt es Wasser oder kräftigen Tee Bier oder Wein schleppen die Beduinen genausowenig mit auf die Karawane wie Softdrinks. Zur Unterhaltung schlägt Mohammed die Trommel, und Ben Gassim bläst die Zummara, die Hirtenflöte. Dazu stimmen die Beduinen Gesänge an, die wie Klagelieder klingen, in denen sie jedoch die Schönheit einer Frau oder eines Kamels besingen. Hedi, unser deutschsprachiger Führer, erhebt sich und tanzt mit ungelenken Bewegungen im Schein des Feuers. Aus dem Nichts ist plötzlich ein Hirte aufgetaucht und spendiert jedem aus seiner Gerba, dem Wassersack aus Ziegenbalg, ein Schluck säuerliche Ziegenmilch. Tunesischer Abend unter einem Sternenhimmel, der hier wo keine Abgase den Blick vernebeln in einer nie gesehenen Intensität funkelt. Der Himmel beschäftigt mich noch, als ich mich in den Schlafsack rolle. Mit der Geschwindigkeit einer Schnecke wandert der Große Wagen über den Horizont, in seinem Gefolge dreht sich das Doppelgestirn Castor und Pollux um seine eigene Achse. Um mich herum nur das Atmen der Mitreisenden. Sonst absolute Stille, als sei man allein auf der Welt. Allmählich kriecht die Kälte in den Schlafsack. Daß die Wüste nachts sehr kühl werden kann, ist zwar Schulwissen, kommt aber doch überraschend, wenn man es am eigenen Körper erfährt. Die ersten Sonnenstrahlen brechen sich in Abermillionen von Tautropfen und verwandeln die Ebene in einen schimmernden Märchengarten. Massoud hat auf Holzglut im Sand Brot gebacken. Es gibt ein spärliche Ration Wasser zum Zähneputzen. Nur unter lautstarkem Protest läßt sich das jüngste Kamel beladen. Unser Lehrling, meint Hedi verschmitzt. Um junge Dromedare zum Lasttier auszubilden, brauchen Beduinen viel Fingerspitzengefühl. Wir haben Glück. Heftiger Regen, wie schon seit Jahren nicht mehr, hatte Tunesiens Wüste grün gefärbt. Kameldornbüsche tragen einen zarten Blätterflaum, zwischen den Steinen sprießen Grashalme sowie gelbe und violette Blütenkelche. Schon am nächsten Wadi können wir einen unprogrammäßigen Halt einlegen und unsere Plastiktanks mit Regenwasser füllen. Noch eine Überraschung an diesem Morgen: Myriaden von kleinen Kamelfliegen begleiten die Karawane. Sie umschwirren uns nur, wenn wir stehenbleiben. Ansonsten reisen sie als blinde Passagiere auf unserem Sonnenhut mit oder lassen sich von den Kamelen tragen.
Wir dagegen ziehen es schon nach wenigen Stunden vor, nebenher zu
laufen. Die Stoßmassage, die uns der schaukelige Paßgang der Höckertiere angedeihen ließ, hatte sich schnell in schmerzenden Körperpartien bemerkbar gemacht. So wird aus der Kamel-Safari eine Wüstenwanderung sehr zum Unverständnis unserer einheimischen Begleiter. Nur Simone aus Schwaben reitet weiterhin unbeirrt auf dem Wüstenschiff. Beim Frühstück hatte sie zugegeben: Ich habe Tabletten gegen Seekrankheit dabei. Zum Einsatz kommen sie allerdings nicht. Mittags erreichen die Temperaturen in diesem Teil der Sahara im November angenehme dreißig Grad. In der geringen Luftfeuchtigkeit der Wüstenluft bildet sich kaum Schweiß auf der Haut, jeder Feuchtigkeitsfilm verfliegt sofort. Gerade deshalb hält uns Hedi an, viel zu trinken: drei bis vier Liter Tee oder Wasser pro Tag. Da man nicht schwitzt, fühlt man sich auch nicht schmutzig und kann bequem für ein paar Tage auf die Dusche verzichten. Am dritten Tag: Wir erreichen Ain Esbatt, die Quellen von Esbatt. Armdick und verschwenderisch prasselt ein kräftiger Strahl aus einem rostigen Rohr und läßt ein kleines Schwimmbad mitten in der Wüste entstehen. Vor fünfzehn Jahren stießen Franzosen auf die Quelle, als sie nach Öl bohrten. Mahnend liegt ein Kamelkiefer an der Tränke, und fünfzig Meter weiter ist die ganze Herrlichkeit schon wieder im Sand versickert. Sinnbilder der Vergänglichkeit. Doch die Wüstentouristen nutzen den Quell ganz profan für ein erfrischendes Bad und eine Naßrasur. Am Horizont sind nun schon die Sanddünen des Großen Erg aufgetaucht. Die Wüste verändert sich an diesem Nachmittag rapide. Waren wir bisher durch Steinwüste gewandert, gewaltige steinige Ebenen, allenfalls durchbrochen von wenigen Hügeln und Wadis, überwiegt jetzt ockergelber, feiner Sand, in dem nur noch die Wurzeln weniger Pflänzchen Halt finden. Wie ein Gebirge erheben sich darin ganze Ketten gewaltiger Sanddünen. Am Fuß der Sandberge angekommen, lassen wir alles stehen und liegen. Nurnoch hinein in dieses Labyrinth aus Kämmen, Senken und Gipfeln! Wie auf einer Achterbahn gehts hinunter und wieder hinauf. Durch den Sand tollen, sich hinunterrollen lassen wie kleine Kinder das ist Wüste pur! Jeder sucht sich an diesem Abend seine eigene Düne und wartet auf den Farbenrausch des Sonnenuntergangs. Kein Geräusch trübt dieses Erlebnis. Nur ein Schwarzkäfer versucht unermüdlich, einen Dünenkamm zu erklimmen und hinterläßt dabei eine Spur, die einem Reißverschluß ähnelt. Später, am Lagerfeuer, sind alle ganz still. Jeder empfindet sich bereits als Teil dieser Unendlichkeit. Da wird jedes Wort überflüssig. Das letzte Frühstück mit Sand-Brot und Feigenmarmelade. Massoud, einer der Wüstensöhne, malt Kinderfußspuren in den Sand. Es ist nicht mehr weit bis zur Oase, wo seine Familie lebt. Noch einmal marschiert die Karawane bei strahlendem Sonnenschein über Dünenkämme, dann zeigen sich Palmen am Horizont. Ksar Ghilane, die Endstation der Wüstenwoche, Nabelschnur zur Welt. Vom Sandmeer eingeschlossen, betreibt eine Handvoll Bewohner typischen Oasen-Anbau: Im obersten Stockwerk gedeihen Datteln, in der Mitte wachsen Granatäpfel, und ganz unten liegen Gemüsebeete. Vier Tage in der Wüste haben die Sinne geschärft. Das reicht, um den Komfort im Oasen-Hotel mit Distanz zu betrachten. Der elektrische Händetrockner in der Toilette Verschwendung. Eisgekühlte Cola? Man sehnt sich nach einem heißen Tee. Es kommt schlimmer: Im warmen Quellbecken, das die Oase über Kanäle mit Frischwasser versorgt, sitzen Motorrad-Touristen und shamponieren sich gegenseitig die Haare. Das gewohnte Leben im Überfluß läßt sich eben nicht abrubbeln wie eine alte Haut. Hedi, dem tolerante Wüstensohn, bleibt nur, milde mit dem Kopf zu schütteln: So sind sie eben, die Europäer.
Infos
Beste Reisezeit: zwischen Oktober und April (tagsüber bis 35 Grad, nachts 0 bis 5 Grad). Daunenschlafsack erforderlich.
Anforderungen: Sie müssen keine besondere sportliche Kondition haben, aber in der Lage sein, 4 bis 6 Stunden pro Tag zügig zu laufen, auf Komfort verzichten, Teamgeist und Abenteuerlust mitbringen.
Veranstalter: Trekking Tours Hoffmann (TRH), Grete-Nevermann-Weg 16, Tel: 040/819 62 129 (Internet: http://www.trh-reisen.de)
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