Dia-Show

Kölnische/Bonner Rundschau vom 19.9.2007.
Abenteuer Mongolei / Mit Nomaden durch die Wüste Gobi
von Bernd Kregel

An Dschingis Khan scheiden sich die Geister. Die einen sehen in ihm den rücksichtslosen Eroberer, dessen wilde Reiterhorden die Steppen Asiens erbeben ließen. Niemand und nichts konnte sie aufhalten, nicht einmal Europa war vor ihnen sicher. Dafür verbannte ihn selbst seine mongolische Heimat noch vor wenigen Jahren aus den eigenen Geschichtsbüchern.

Andere hingegen halten ihn für einzigartig. Sie feiern seine militärische Leistung und preisen seine historische Bedeutung. So ist Dschingis Khan in der heutigen Mongolei nahezu allgegenwärtig: auf Wodkaflaschen und Wollteppichen, auf Reiseprospekten und Titelseiten. Selbst in den mongolischen Wohnstuben hat das würdevoll lächelnde Bildnis vom einstigen Herrscher die einst üblichen sozialistischen Revolutionshelden verdrängt.

Ein sensationelles Comeback nach dem Fall des sozialistischen Weltsystems, in dessen Schlepptau sich auch die „Mongolische Volksrepublik“ bis 1990 befand. Danach mussten sich die 2,6 Millionen Mongolen neu orten. Zwar ist ihr zentralasiatisches Land viermal so groß wie Deutschland. Doch strategisch ist es eingeklemmt zwischen den beiden Großmächten Russland und China. Das Anknüpfen an Große Traditionen kann da sicherlich nicht schaden!

Auch den Nomaden in der Wüste Gobi sind solche Gedankengänge nicht fremd. Dennoch erscheint ein Abstecher in diese entlegene Region wie eine Reise in eine längst vergangene Welt. Hier wird der Lebensrhythmus noch bestimmt von der Weide- und Futtersuche. Und natürlich von den gleichmäßig federnden Schritten der Kamele, die in Karawanenformation die weiten Ebenen durchqueren oder hoch aufragende Sanddünen überwinden.

Einer solchen Karawane mit 28 Kamelen vertraue ich mich an. Bimba, der Karawanenführer, kennt die Wüste wie seine eigene Tasche. Er weiß genau, wo die besten Futterplätze und Wasserstellen für seine Schaf- und Ziegenherden zu finden sind. Seine Kamele sind dagegen weitaus genügsamer. „Jabonáh!“ ruft er nach der Mittagspause mit unüberhörbarer Stimme: „Los geht’s!“ Doch die beladenen Kamele wollen offenbar eine Extraeinladung. Ein kurzes „Hog, hog!“ bringt sie auf Trab. Wen wundert es, dass ihnen die in derHitze flimmernde Gesteinsebene nicht sonderlich liegt!

Doch heute ist ein besonderer Tag. Bimba lüftet sein Geheimnis, als wir kurz vor Sonnenuntergang in der Nähe seiner Jurte unsere Zelte aufbauen: Sein jüngstes Enkelkind hat heute Geburtstag – ein passender Anlass, um seine mongolische Gastfreundschaft unter Beweis zu stellen. Vorsichtig betreten wir die geräumige Behausung. Immerhin bringt das versehentliche Berühren der Türschwelle nach hiesiger Überzeugung Unglück über die ganze Familie.

Gastgeber Bimba erscheint in der Festtagskleidung der Gobi-Nomaden. Er begrüßt uns, so will es der Brauch, mit einer feierlichen Rede, die etwas umständlich übersetzt werden muss. Höflichkeiten und Gastgeschenke werden ausgetauscht als Ausdruck der gegenseitigen Sympathie.

Auf dem Kanonenofen in der Mitte der Jurte garen bereits die herrlichsten mongolischen Leckereien, vor Allem die pikanten Fleischtäschchen, die bei keiner Einladung fehlen dürfen. Als Nachtisch wird Milchkonfekt gereicht in solch vielfältigen Variationen, dass ich zum Schluss den Überblick verliere. Dazu trägt sicherlich auch die angegorene Stutenmilch bei, die in einem Trinkgefäß immer häufiger die Runde macht.

Auch die Zungen der Gastgeber sind nun gelockert, und so folgt ein Gesang nach dem Anderen. Zuerst sind die Frauen dran: “Wo warst Du, Geliebter, als wir bei der Herde verabredet waren?“ Und die Männer antworten mit allen möglichen Erklärungen: „Weil das Tal überschwemmt war und der Kamelhengst sich im Gestrüpp verfangen hatte…“ So wird alles aufgezählt, was die raue Landschaft an unerwarteten Überraschungen bereithält.

Eine Kostprobe dieser Naturgewalten erhalten wir am nächsten Morgen. Das Wetter ist umgeschlagen, und alter Wind bläst uns ins Gesicht. Die wärmste Daunenjacke ist jetzt gerade gut genug. Hoch auf den fernen Bergkuppen hat es nachts sogar geschneit. Doch – wie zum Trotz – geht der Gesang weiter und bringt Leben in die erstarrten Gesichter. Die Lieder handeln von der Schönheit der Mongolei und dem Alltag der Nomaden in der Wüste Gobi.

Endlich haben wir die lang ersehnte Dünenkette erreicht, die uns schon seit vielen Stunden vom Horizont her den Weg gewiesen hat. Aufwirbelnder Sand scheint uns sagen zu wollen: Vorsicht, jedes Foto geht ab jetzt auf eigenes Risiko! Ein Versagen der Kamera wäre in der Tat tragisch. Denn vor der Kulisse dieser aufgetürmten Sandberge wirkt unsere Karawane wie in einer Erzählung aus 1001 Nacht!

Lagerplatz ist heute ein kleiner See, den wir zunächst für eine Fata Morgana halten. Auf seiner dunklen Oberfläche spiegelt sich seitenverkehrt das geschäftige Treiben am Ufer. Während in der Wüstenküche langsam das Abendessen Gestalt annimmt, bleibt genügend Zeit für Gespräche. Im Schein der Petroleumlampe ist Bimbas Sohn Batsaikhan heute besonders mitteilsam. Er berichtet, dass es sich seit der politischen Wende wieder lohnt zuzupacken. Denn nun gehören die Herden nicht mehr dem Staat, sondern der Familie. Und da weiß jeder genau, wofür er arbeitet.

Am nächsten Tag naht der Abschied. Nach gemeinsamer Mahlzeit steigt die Karawane langsam die „singenden Sanddünen“ hinauf, wo abrutschender Quarzsand knackende Geräusche hervorruft. Die Kamele und ihre Begleiter werden immer kleiner und verschwinden schließlich völlig hinter einem Dünenkamm.

In bereit stehenden Geländewagen treten wir die Heimreise an. Nur langsam wird mir klar, dass damit auch die Reise in die Welt des Dschingis Khan beendet ist. Mit Ulan Bator ist wieder Großstadt angesagt, Autoverkehr, Plattenbau-Tristesse. Umso mehr weiß ich den Abstecher in die mongolische Vergangenheit zu schätzen.

Reiseinformation Mongolei:

Anreise: Die Anreise in die Mongolei ist nur möglich über den internationalen Flughafen von Ulan Bator, per Zug von Russland und China aus und mit dem Auto über vier Grenzstationen.

Einreise: Deutsche Staatsangehörige benötigen für die Einreise in die Mongolei ein Visum, das bei der Mongolischen Botschaft in Berlin beantragt werden kann.

Reisezeit: Im Gegensatz zu den Wüsten im Sahelgürtel kann die Wüste Gobi wegen der schneidenden Kälte in den Winter nur in den Sommermonaten bereist werden.

Unterkunft: In der Hauptstadt Ulan Bator gibt es natürlich Hotels. Weiter außerhalb stehen stimmungsvolle Jurten für die Übernachtung zur Verfügung. Und wo es die nicht mehr gibt, gehören Zeltausrüstungen mit in die Karawanenausrüstung.



Frankfurter Rundschau 03/2002
Die nach den Pferden schauen
von Ariane Bertsch

Sie ist erhaben, die Leere der mongolischen Landschaft, sie ist erdrückend, die Stille über der endlosen Ebene. Touristen in der Wüste Gobi sind allerdings mit viel banaleren Dingen beschäftigt. Wo bitte geht man in der WüsteGobi nach den Pferden schauen? Dass die mongolische Sprache einen so sanften Euphemismus für das Verrichten von Geschäften auf dem Wüstenboden kennt, macht die Frage nicht einfacher. Alle stellen sie: Freunde, Kollegen, Geschwister. Selbst flüchtige Bekannte leiten Gespräche so ein: "Du fährst in die Wüste Gobi? Und wo geht man da aufs Klo?" Leises Kichern. Keine Frage nach dem Ablauf der zehntägigen Kamel-Expedition. Nach der Weite der Landschaft. Nach Nomaden, Gazellen oder Steinböcken. Nein, die Wüste Gobi ist flach und leer, und deshalb stellen sich alle nur eines vor: Wie eine Frau im ersten Morgenlicht aus einem Zelt auf eine windige Ebene stolpert und mit einer Klopapierrolle in der Hand nach einem Erdhügel sucht, der geeignet ist, ihren blanken Hintern zu verbergen. Sollte man sich trotzdem für 13 Stunden auf einem Flugzeugsesse zusammenkauern, der zur Hälfte vom Bauch eines verschwitzten tschechischen Soldaten belegt ist, und in eine Stadt fliegen, die einen so wenig einladenden Namen wie Ulaanbaatar trägt? Danach drei Stunden lang hoch über staubgrauen Ebenen und rostroten Bergkämmen in einer mongolischen Propellermaschine mit defekter Heizung frieren, in einem klapprigen Kleinbus durch eine Steinwüste rumpeln, bis das letzte Klohäuschen im Dunst der endlosen Ebene verschwindet? Nur um, im Nichts angekommen, zehn weitere Tage im Nichts vor sich zu wissen?
Die mongolischen Mitreisenden wissen genau, warum sie hier sind. Wüstenführer Gozo, ein kräftiger Mann mit weichen Bewegungen, liebt die Gobi, weil er in der Stille dieser Einöde so gut nachdenken kann wie zu Hause in der Hauptstadt Ulaanbaatar nie. Ghana, der schmale Koch, freut sich auf Kamelritte unter dem endlosen Himmel. Und für Nergui, den massigen Fahrer, ist das hier einfach ein Job: Am winzigen Flughafen von Dalanzadgad in der Südgobi auf die Maschine aus der Hauptstadt warten, ein paar Touristen nebst Reisetaschen, Zeltsäcken und Kisten mit Gemüse und Instantnudeln im Bus verstauen. Und sie zwischen dunklen Hügelketten hindurch und über breite Plateaus hinweg immer weiter fahren, bis er sie eineinhalb Tage später irgendwo im menschenleeren Gobi-Gurvansaikhan-Nationalpark am eigentlichen Anfangspunkt der Reise ausladen kann: dem Lagerplatz von Karawanenführer Schagdscha und seinen Kamelen. Die anderen Touristen aus Deutschland wissen immerhin, was sie sich wünschen. Eine träumt von der Mongolei seit sie in ihrer Kindheit ein Buch über die Nomaden gelesen hat. Eine zweite sehnt sich nach der "Weite der Wüste". Einer ist gespannt auf die "Grenzerfahrung", die ein Reiseziel ohne Strom, ohne Straßen, ohne Komfort, dafür mit Sand, Stille und Kamelen verspricht. Nur: Wie wird es sein ohne Straßen, Strom und Komfort? Ohne Dusche, Radio, Telefon?
Mit Zelt und Wasserkanister und nur einer Klopapierrolle im Gepäck? Mit dem immer gleichen Bild einer leeren Himmelskuppel überm schnurgeraden Horizont vor Augen? In der ersten Nacht ist es merkwürdig. Das Schweigen der Dunkelheit. Das Ticken der Uhr. Die Kälte, die langsam in den Schlafsack kriecht. Die Steine, die sich durch die dünne Matte drücken, die tagsüber auf einem Kamelrücken liegt und auch so riecht. Die tausend Sterne am Nachthimmel, so groß, so hell. Früher als der Schlaf kommt der Wind. Die trockenen Grasbüschel rundum beginnen zu rascheln. Ob Pferde bis an den Schlafsack herankommen werden? Oder eine Gazelle? Ein Wolf? Vielleicht wäre es doch besser, ins Zelt zu gehen, das Ghana vorsorglich aufbauen geholfen hat. Obwohl, die Sterne... Seltsame Träume. Am Morgen schmerzt der Rücken, und der Wind pfeift noch immer. "Wer nach den Pferden schauen muss" - sie sagen es tatsächlich! - "geht in die Richtung zurück, aus der wir gekommen sind. Geht nicht weit, vor allem nachts solltet ihr das Camp im Blick behalten." Gozos Stimme klingt noch verschlafen. "Niemals gehen wir dort nach den Pferden schauen, wo die Karawane hin reiten wird. Klopapier ist in Ordnung, wer will kann das, äh, die Teile verscharren. Darauf legen wir Mongolen aber keinen Wert." Ein schönes Thema - besonders vor dem Frühstück. Ob Gozo weiß, dass es Amerikaner gibt, denen es sogar auf Partys peinlich ist, nach dem Klo zu fragen? "Also", Gozo weist mit der Hand auf die Ebene und grinst, "das alles habt ihr zur Verfügung." Prima. Dieses Land ist euer. Nun gehet hin und verrichtet eure Geschäfte. Die Kamele beenden die Nachtruhe erst, als ihnen Schagdscha mit einem Stock auf die Flanken klopft. Ein kompliziertes Manöver, das Aufstehen: Mit einem kräftigen Ruck halb auf die Hinterbeine, dann die Vorderbeine gestreckt, dann, noch ein Ruck, in den Stand. "Wenn ihr aufsitzt, müsst ihr euch erst nach vorne beugen, dann nach hinten und dann wieder nach vorne. Und beim Reiten den Zügel fest in der Hand behalten." Gozo übersetzt Schagdschas Anweisungen von weichem Mongolisch in hartes Deutsch und Schagdscha schlenkert mit dem Seil, das zum Hornspieß in der Nase des Vorführkamels führt. Das Frühstück, grobes Weißbrot mit Butter und Marmelade, liegt plötzlich schwer im Magen. Die Kamele sehen sehr groß aus. Beim Aufsteigen bloß nicht die Höcker berühren, da sind sie am empfindlichsten, hatte Gozo gesagt. Leicht ist das nicht. Wie auf einer Schiffschaukel geht es nach oben. Wer Pferde reiten kann, hat es leichter, sich dem schleppenden Rhythmus der Tiere anzupassen. Vorneweg reiten Schagdscha und Ghana. Beide tragen den traditionellen Umhang der Nomaden, den deel, beide bewegen sich im Gleichklang mit ihren Tieren, beide haben die hellen Augen in die Ferne gerichtet. Es folgen zwei Lastkamele, die bis weit über beide Höcker mit Kisten und Reisetaschen beladen sind. Dahinter schwappen die Touristen wie Weinschläuche auf den Sätteln hin und her. Nach der Mittagspause werden sich die ersten aufs Laufen verlegen. Gozo spaziert schon jetzt etwa 50 Meter entfernt von der Karawane, weil ihm "Kamele einfach zu langweilig sind". Langweilig ist vielleicht das falsche Wort. Ruhig ja, träge vielleicht - aber auch schreckhaft, wenn irgendwo ein Kopftuch zu flattern beginnt oder eine Eidechse auf dem Boden raschelt: Dann schütteln sie die großen Köpfe, knicken mit den sehnigen Beinen ein, brüllen auf, dumpf und röhrend. Manchmal pissen sie im Gehen unter sich. Die Leere der Landschaft verschluckt das Plätschern, wie sie alle Laute verschluckt: das Kratzen der Hufe auf den Felsfurchen, die leisen Wüstenlieder Schagdschas, den eigenen langsamen Atem. Himmelblau und Staubgrau dominieren die Landschaft. An manchen Stellen hat sich ein grüner Schleier über die Steppe gelegt. Vor einer Woche hat es geregnet, zum ersten Mal seit Monaten; genug, um ein paar Halme wachsen zu lassen, zu wenig, um den trockenen Sommer auszugleichen, der den Boden brüchig und die Tiere mager gemacht hat. Ein paar Pferde ziehen vorbei, deren Rippen sich durch das struppige Fell drücken; eine Herde Gazellen kreuzt, deren weiße Hintern wie Pingpongbälle auf und ab wippen. Die Kamele machen einen Bogen um einen Rinderkadaver, dem die Geier schon die erste Fleischschicht von den Rippen gezogen haben. Und die Stunden dehnen sich im gleißenden Sonnenlicht, wie sie es jeden der folgenden Tage tun werden. Sich auf den Rhythmus dieser Reise einzustellen, erweist sich als leicht. Frühstück. Nach den Pferden schauen. Zelt abbauen. Laufen oder Reiten. Nach den Pferden schauen. Mittagspause. Laufen oder Reiten. Zelt aufbauen. Abendessen. Nach den Pferden schauen. Schlafen. Mehr gibt es einfach nicht zu tun.
Die Tage beginnen im Zelt - nach der ersten kalten Wüstennacht schlafen nur noch die Mongolen draußen - im Mief von ungewaschener Haut und nassen Socken. Beim ersten Schritt ins Tageslicht scheint es jedes Mal unfasslich, dass außer Himmel und Ebene gar nichts zu sehen ist. Die Suche nach einem Sichtschutz spendenden Hügel bleibt mühselig. Doch die Einsamkeit der vielen Stunden zu Fuß oder Kamel wird mit jedem Tag schöner: die Minuten, die den Farben der Steine gewidmet sind, die Momente, in denen sich die Wolkenbänder am Himmel ineinander verschlingen, die Stunden, in denen nur der nächste Schritt in der heißen Sonne zählt. Wenn sie am höchsten steht, nimmt Schagdscha den Lastkamelen die Pakete ab, Ghana und Gozo stellen den Kocher auf und legen die Kamelmatten zu einem Essplatz zusammen. Suppe, frisches Gemüse, Kekse, Gerede. Eine der Mitreisenden preist das feuchte Klopapier, das ihr Mann aus Deutschland mitgebracht hat, einer erzählt, dass er letzte Nacht gleich zweimal raus musste. Ansonsten betonen alle, dass ihnen die ungewohnten Sanitärverhältnisse rein gar nichts ausmachen. Danach wird es wieder still, beim Dösen auf einer Kamelmatte, Staub in der Nase und nichts als Ruhe im Kopf - bis Gozo zum Aufbruch ruft. Manchmal erzählt er bei den Wanderungen von seiner Familie; seiner Frau, die wie er Expeditionen leitet, und seinen zwei Kindern, die auf die russische Schule in Ulaanbaatar gehen, weil die Ausbildung dort besser ist als an den mongolischen Schulen. Von seiner Unizeit in Leipzig, wo er, ausgewählt aus Dutzenden Bewerbern, als Gast aus dem kleinen armen Bruderland Fotografie studieren durfte. "Die Bildung ist das Beste, was uns die Sowjets hinterlassen haben", sagt er. "Alle konnten lesen und schreiben, auch die Nomadenkinder. Und nach dem Schulabschluss studierten die Klassenbesten in Russland oder der DDR und brachten das Wissen zurück nach Hause." Bis die Marktwirtschaft 1990 Einzug hielt, war die Mongolei wirtschaftlich und politisch so eng an Moskau gebunden, dass manche sie spöttisch als sowjetisches Bundesland bezeichneten. Der Zusammenbruch des Kommunismus vor zwölf Jahren brachte Chaos - und Chancen nur denen, die mit den neuen Freiheiten umgehen konnten. "Viele verstehen das System heute noch nicht", sagt Gozo. Nur wenige haben sich wie er getraut, eine kleine Firma aufzubauen. Nur wenige können in den neuen koreanischen Supermärkten oder den Kaschmirboutiquen der Hauptstadt einkaufen. Seit die Unterstützung der Sowjetunion fehlt, sind Arbeitslosigkeit und Analphabetentum gestiegen. Ein Viertel aller Internate - für viele Nomadenkinder die einzige Möglichkeit zum Schulbesuch - hat der Staat aus Geldmangel geschlossen. Viele hungern. Und das Kraftwerk, das die Silhouette von Ulaanbaatar dominiert, lässt in manchen Winterwochen ganze Stadtteile bei minus 30 Grad unbeheizt. "Auf der anderen Seite", sagt Gozo, und jetzt klingt seine Stimme kräftiger, "hat der Zusammenbruch auch neues Selbstbewusstsein geweckt. Zu Zeiten des Kommunismus galt nur etwas, wer in einer Stadt oder Siedlung einen wichtigen Posten hatte. Heute erinnern sich die Menschen wieder an ihre Vergangenheit und sind stolz, als Nomaden mit der Natur zu leben wie ihre Vorväter. Denn das echte Leben der Mongolen, das ist das Leben hier draußen." Seit Jahrtausenden ziehen die Familien mit ihren Gers, den traditionellen Rundzelten, und ihrem Vieh durch die Weite. Um 1200 fand Dschingis Khan die zähen Krieger für sein riesiges Heer unter den Nomaden. Als fünf Jahrhunderte später die Chinesen das Land besetzten, konnten sie den autarken, übers Land verstreuten Bewohnern nicht wirklich Herr werden. Und auch der russische Einfluss der letzten Jahrzehnte hat der Eigenheit dieses Volkes wenig anhaben können.
In der Steppe ist reich, wer eine Herde hat, die Wolle, Fleisch, Felle und Milch zum Leben liefert und getrockneten Kamelmist zum Feuermachen. Wer es sich leisten kann, kauft ein Motorrad oder ein Radio. Die Nomaden bauen alle paar Wochen die Gers ab und wandern weiter zu neuen Weidegründen für ihre Schafe und Ziegen, Rinder und Yaks, Kamele und Pferde. Platz gibt es genug: Fünfmal so groß wie Deutschland ist die Mongolei; ein knappes Drittel der 3 Millionen Einwohner lebt heute in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Knapp zwei Millionen Menschen teilen sich das riesige Land - und die Härten des Nomadenlebens. Unvergessen sind die Katastrophenwinter der letzten beiden Jahre, die Temperaturen von minus 50 Grad und Schneestürme brachten und über vier Millionen Tiere das Leben kosteten. Aber auch in ganz normalen Winterwochen, sagt Gozo, kann ein Sturm eine Herde mal eben 100 Kilometer weit weg wehen. Dann ziehen die Nomaden zu Fuß hinterher, laufen Tag und Nacht, bis sie ihre Tiere wiedergefunden haben. Gombodorj und Batbujan sind zu alt für solche Strapazen. Das Paar hat sein Ger am Naran-Brunnen schon vor Monaten bezogen, auch wenn es hier für die Tiere nur noch wenig zu fressen gibt. "Die beiden freuen sich, dass eine Karawane mit Fremden vorbeigekommen ist", erklärt Gozo leise. "Ihr seid ihre Gäste." Dass es kein guter Sommer war, sagt Batbujan, der sich für seine 72 Jahre sehr aufrecht hält und dessen blaue Augen im zerfurchten Gesicht strahlen. Erst die Trockenheit, dann die niedrigen Kaschmirpreise. Die wenige Wolle bringt jetzt auch noch weniger ein. Wenn nur die Sorgen nicht wären. Aber bitte, kommen Sie doch herein. Das Ger besteht aus dicken Filzmatten, die über ein kreisrundes Holzgerüst gespannt sind. Eine Feuerstelle in der Mitte, neben der Tür ein Butterfass, an der Wand der Buddha-Altar, eine Liege, ein Schränkchen. Alle sitzen im Schneidersitz, denn die Füße dürfen - so wollen es die Geister - nie zum Feuer zeigen. Gombodorj schöpft Milchtee aus einem Kessel, reicht frischen Rahm und Aaruul, steinharte Streifen getrockneten Quarks, die so sauer schmecken wie der Tee salzig. Die Hände der 63-Jährigen zittern, als sie einschenkt. Auf einem Auge ist sie blind, auf dem anderen fast. Wenn nicht ab und zu das Paar aus dem benachbarten Ger helfen käme oder eines der zehn erwachsenen Kinder zu Besuch, dann wüssten die beiden Alten manchmal nicht weiter. "Viele Nomadenkinder holen ihre Eltern in die Stadt, wenn sie gebrechlich werden", wird Gozo später erzählen. In die Stadt, nach Ulaanbaatar also, wo die Schafshälften nicht im Freien, sondern auf engen Balkonen lagern, wo gigantische Wohnblocks und Plattenbauten schlagloch-übersäte Straßen überragen, wo in den Ger-Siedlungen die Zelte nah beieinander stehen. "Die meisten halten es dort nicht aus, in dieser Enge", wird Gozo hinzufügen. "Sie gehen zurück in die Wüste und warten, bis sie sterben." In die Wüste zurückgehen heißt nicht in die Einsamkeit gehen. Wenn eine neue Familie ihr ger aufschlägt, treffen schon wenige Stunden später die ersten Nachbarn zur Begrüßung ein - auch wenn sie Kilometer entfernt wohnen. Nachrichten verbreiten sich schnell zwischen den Zelten, zu Fuß, per Pferd oder Motorrad. Und weil ein uraltes Gesetz dieser menschenleeren Gegend besagt, dass jeder in jedem Ger Nahrung und Schutz für die Nacht erhalten soll, werden Gäste aus der Nachbarschaft, aus der nächsten Siedlung oder aus der Ferne überall warm willkommen geheißen. So auch an dem Tag, der am Fuß der Weichen Berge in sanftem Nieselregen beginnt. Nach einem Abend mit Gazellenfleisch - frisch geschossen von Schagdschas Sohn, der auf seinem Motorrad zu Besuch gekommen war - und einigen Wodkarunden mit Gozo und Ghana rumort der Bauch. Wunderbar für die Steppe, dieser Regen - aber nach den Pferden schaut es sich auf nassen Felsen gar nicht gut. Mittags regnet es noch immer. Zum Glück taucht zwischen zwei Hügelketten ein großes Ger auf. Ob drinnen ein Feuer brennt, das zum Trocknen der Jacken und Hosen taugt? Natürlich. Neun Kinder und vier Erwachsene haben es sich dort bereits bequem gemacht, aber Platz für eine nasse Karawane ist immer. Es gibt Tee, Suppe mit Nudeln und ein paar Streifen von dem Ziegenfleisch, das an einem Haken neben der Tür trocknet. Vier Stunden in diesem Zelt werden später wie 40 Minuten scheinen, so ruhig, so gelassen ist die Stimmung. Zorigtbayar, der Hausherr, wickelt das Baby der Nachbarin und steckt ihm als Nuckel ein gehäutetes Schwanzstück vom Fettsteißschaf in den Mund. Ein siebenjähriges Nachbarsmädchen mit dicken schwarzen Zöpfen beäugt neugierig die Fremden, die unbeholfen an ihren Teeschalen nippen. Geredet wird kaum. Der älteste Sohn des Hauses, fürs Wochenende aus dem Internat heimgekehrt, hilft seiner Mutter beim Austeilen der Suppe. Schagdscha hat mit Zorigtbayar die wichtigsten Wüstennachrichten ausgetauscht, sich auf dem Boden ausgestreckt und ist eingeschlafen. Am späten Nachmittag hört der Regen auf. Zeit für den Abschied, der genauso selbstverständlich ist wie die Begrüßung. Die Karawane zieht weiter, elf Menschen winken hinterher. Und zum ersten Mal taucht am Horizont, halbversteckt hinter der dunklen Saihan-Bergkette, eine weiße Welle auf: die Dünen von Hongoryn Els. "Noch zwei Sonnenuntergänge, dann werden wir den Sand erreichen", sagt Gozo. Je näher er rückt, desto größer wird die Zahl der Saxaulbäume. Ihre knotigen weißen Äste strecken sie wie bleiche Finger in die Sonne, bis der Wind sie zu Boden drückt. Plötzlich ist der Sand da: Erst ein feiner Schleier auf der Steppe, dann die erste mannshohe Zunge. Für die Kamele ist der Tagesritt durch die Dünen anstrengend, deshalb gehen heute selbst Schagdscha und Ghana nebenher. Jeder kann für sich alleine laufen, die Fußspuren der Vorhut weisen den Weg durch das Weiß. Barfuß sind die Schritte nicht so mühselig wie in dicken Wanderschuhen. Überall Sand, gleißend hell auf den Spitzen der Dünen, dunkler und feucht in den schattigen Tälern. Nichts ist schöner, als auf dem schmalen Grad eines Walls empor zu klettern, am höchsten Punkt sich fallen zu lassen und, nach vielen Metern Rutschfahrt, unten angekommen, ganz, ganz still zu liegen. Manchmal singen dann die Dünen, ein leiser, dunkler Ton, der aus der Tiefe kommt und lange nachklingt. Dass sich da nur Sandmassen gegeneinander verschieben, macht es nicht weniger magisch. Überall haben Vögel und Wüstenmäuse Spuren hinterlassen, feine Muster, die umso schöner scheinen, weil der nächste Windstoß sie fort wehen wird. Eine Ecke Klopapier schaut aus einer Düne heraus, um eine Sekunde später in einer Sandwelle zu verschwinden. Hier kann man sogar nach den Pferden schauen, ohne Spuren zu hinterlassen. Hinter den Bildern dieses Tages verblassen die Erlebnisse der folgenden. Sogar die zwei Condore, die an einem Abend mit ihren riesigen Schwingen ein Lamm über die Steppe treiben, bis es erschöpft zusammenbricht und zerfleischt werden kann. Sogar die roten Sandsteinklippen von Balzryn Og, von deren Spitze der Blick über die karge Landschaft atemberaubend ist. Sogar die Felsblöcke von Bayanzag, wo - wie an mehreren Stellen in der Gobi - seltene Dinosaurierknochen gefunden wurden und man noch heute die Spuren der weltberühmten Ausgrabungen sehen kann. Und sogar der erste buttermilchsaure Geschmack vom Nationalgetränk airag, gegorener Stutenmilch, die im ger einer Pferdezüchterfamilie gereicht wird. An einem wolkigen Nachmittag taucht, irgendwo hinter der Bergkette der "Drei Schönen", Nergui mit seinem Bus auf. Schagdscha singt ein letztes Lied voller Abschied und zieht davon. Arawan temee baina - zehn Kamele sind es... Die klare Stimme des Mongolen weht noch herüber, als die Karawane längst im Grau der Ebene verschwunden ist. Das Gepäck liegt im Businnern zu einem wackeligen Turm aufgestapelt. Acht schmutzige, sonnenverbrannte Menschen rumpeln nach Hause. Bald führt der Weg zwischen Bergketten entlang, und einmal treten, wenige Meter entfernt, Steinböcke aus dem Schatten eines Überhangs und springen über die glatten Felsen. Mit jedem Kilometer mehren sich die Zeichen der Zivilisation: Die Spurrillen verdichten sich zu einer Straße, eine Linie von Strommasten zeichnet sich im Dunst ab, das erste Steinhaus kommt in Sicht. Das Camp von Sitting Bull, am Rand der Gobi gelegen und letzte Herberge vor dem Rückflug nach Ulaanbaatar, besteht aus acht Gers. Es hat Badehäuschen. Und Klohäuschen! Es gibt keine Worte, die erste Dusche nach zehn staubigen Tagen zu beschreiben. Die Weichheit des schmalen Bettes unter der Filzkuppel. Oder den letzten Blick auf die Schäfchenwolken über der Gobi. Zurück in Deutschland wird es schrecklich sein, selbst im Freien nur ein kleines Stück des Himmels sehen zu können und überall Menschen zu treffen, die laut und viel und verständlich sprechen. Die fremden Melodien der Nomaden werden fehlen, und die Luft, die so klar gewesen ist, der Wind, der die Haut geschunden hat, die langen Stunden ohne Worte, die eigene Winzigkeit in der Weite. Glücklicherweise wird all das keiner wissen wollen. Und auf die einzig wichtige Frage fällt die Antwort ja nicht schwer: Wo geht man denn nun in der Wüste Gobi nach den Pferden schauen?

Veranstalter: Die hier beschriebene Trekkingkarawane durch das Gebiet der Gobi-Altai bietet der Outdoor-Spezialist Trekking Tours R. Hoffmann (TRH, Grete-Nevermann-Weg 16, 22559 Hamburg, Tel. 040/81962-129, Fax 81962-130, an.