|
Südwest-Presse vom 17.01.2004
Jürgen Kühnemund
Mit Jeep und Wanderstiefel ins staubige und grüne Hinterland
Marokko, das heißt für die meisten Urlauber Sonne, Strand, Meer und ein Hauch von Orient. Doch außer einem Abstecher nach Marrakesch können Besucher des Königreichs schon wenige Kilometer von der Küste weg in eine andere Welt eintauchen - mit dem Jeep oder noch besser, zu Fuß. Eines ist sicher: Im Mahgreb gehen die Uhren anders. Das müssen auch wir feststellen, als wir zur Wandersafari nach Marokko aufbrechen. Um 14 Uhr sollte der Flieger in Richtung Afrika abheben, doch daraus wurde nichts. Die lakonische Auskunft am Schalter der Royal Air Maroc lautet: ''Nebel über Casablanca.'' Der Nebel muss sich dann wohl gelichtet haben. Mit zwei Stunden Verspätung hebt die B 737 der Königlichen Luftflotte ab. In Casablanca holt uns dann aber die marokkanische Zeit wieder ein. Der Anschlussflug in den Süden des Königreiches startet erst drei Stunden später. Kurz vor Mitternacht ist es aber geschafft: In Quarzazat, einer Provinzmetropole mit rund 30 000 Einwohnern, beziehen wir Quartier. Die etwas nervige Anreise - in den nächsten Tagen ist sie schnell vergessen: Auf einer Safari durchs Hinterland. 160 Kilometer beträgt die direkte Entfernung zwischen Quarzazat und Zagora, das kurz vor der Grenze zu Algerien liegt. Knapp 700 Kilometer sind es schließlich, die wir teilweise zu Fuß, teilweise mit dem Geländewagen zurücklegen werden, meist am Wüstenfluss Draa entlang. Die schwarzen Berge von Tachgagalt sind das Ziel der ersten Tour. In der sicheren Obhut von fünf Sahraui, marokkanischen Nomaden, die die Geländewagen steuern und für das Essen unter der sengenden Sonne sorgen werden, beginnt die Safari landestypisch mit einem Begrüßungszeremoniell - mit einer Runde grünem Tee. Endlich ist Aufbruch. In Quarzazat herrscht längst reges Markttreiben, als wir die Stadt verlassen. Nach wenigen Kilometern wird aus der Teerstraße eine holprige Steinpiste. Hinter der Ortschaft Ait Sawn wühlen sich die Jeeps langsam hinauf zum Pass Tizi-n-Tinifit, der mit 1698 Metern Höhe Ausgangspunkt der ersten Wüstenwanderung sein soll.
Gut drei Stunden hat Youssef, unser marokkanischer Begleiter, für die Durchquerung des Assif Fenfel, eines trockenen Flusslaufes, angesetzt. Doch die marokkanische Zeit geht eben anders. Am Schluss sind es vier Stunden, die wir über grobes Geröll, durch erstarrte Lava, kleine Wadis und wenig Grün, immer begleitet von den steilen Wänden der Tafelberge, zurücklegen. Und wie für Wadis üblich, versperrt uns in dem sonst trockenen Flussbett ein gut zwei Meter tiefer See den Weg. Doch kein Problem für Youssef. Er findet stets einen Weg, auch wenn der ein bisschen schweißtreibender und ein bisschen länger ist, schließlich klettert das Thermometer zwischendurch auf 28 Grad. Und so glauben auch manche unserer Gruppe, einer Fata Morgana zu erliegen, als plötzlich nach Dutzenden von Flusskurven Palmen, Schilf und Bambus auftauchen. Doch der Geruch von frischem Tee, Nüssen und Keksen holte uns in die Realität zurück. Das erste Wüstenlager ist erreicht. Hassan, Said, Mohammed, Hakim und Abdullah haben bereits das große Berber-Zelt aufgebaut und ein Feuer entfacht. Eine halbe Stunde später lassen wir uns die Chorba, eine dickliche, scharf gewürzte Suppe aus Gerste, Kichererbsen und gehacktem Fleisch schmecken. Im Camp kehrt alsbald Ruhe ein, zu arg steckt allen die Tour in den Knochen. In der Nacht leisten die Schlafsäcke gute Dienste, denn die Temperatur sinkt fast auf null Grad. Wer im Süden Marokkos ausschließlich an Wüste denkt, der wird im Draa-Tal eines Besseren belehrt. Von den Steilhängen des Djebel Sagho umrahmt, ist das Tal bis Tazzarine eine einzige Fluss-Oase. Entsprechend stark bevölkert ist dieses Gebiet. Zwischen mächtigen Palmenhainen und ausladenden Mandelbaumfeldern schmiegt sich nach jeder Flussbiegung ein Ort an den anderen an die Wände des Felsmassivs. Die Einwohner sind meist Nachfahren der zweiten Arabisierungswelle des Maghrebs im 11. Jahrhundert.
Hatten die Beni Hillal einst als Räubervolk die Region unterjocht, nutzen sie heute als Vollnomaden den Reichtum des DraaTals. Wassermangel gibt es hier nicht. In prächtigen Farben blühen Akazien, Tamarisken und Dattelpalmen. Große Ziegen- und Schafherden ziehen über Felder. Die Einheimischen winken uns zu, wundern sich allenfalls, dass sich Touristen zu so schweißtreibenden Wanderungen aufmachen. Neugierig wollen sie wissen, wo die Wanderer her kommen. Reicht das Französisch nicht weiter, wird auf beiden Seiten wild gestikuliert. Und da ist ja noch Youssef. Der ist es auch, der die ganze Mannschaft wieder antreibt, weiterzugehen. Schließlich müssen wir das Lager in der Nähe von Tazzarine noch vor der Dunkelheit erreichen. Das Schichtstufen-Massiv des Djebel Rhart erreichen wir am nächsten Tag nach einer zweistündigen Fahrt, wobei die Jeeps sich im Schneckentempo von zehn Stundenkilometern vorwärts quälen. Wir ahnen, dass der nächste Marsch auf den Djebel Bou Ingarf, eine 1319 Meter hohe Kalktafel, uns Einiges abverlangen wird. Youssef lässt sich nicht davon überzeugen, dass man die Tafelberge nur aus der Ferne betrachtet. Lachend meint er: ''Richtig erleben kann man die Tafelberge nur, wenn man auf ihnen steht''. Widerspenstige Fragen wehrt er ab.
300 Höhenmeter geht es über Geröll und Schotter, während das Quecksilber immer näher an die 30 Grad-Marke steigt. Doch der Ausblick entschädigt jede Tortur. Eine Panoramasicht über eine fantastisch fremde Landschaft liegt zu unseren Füßen. Schnell ist vergessen, dass aus Youssefs geschätzten dreieinhalb Stunden Wanderzeit mal wieder fünf geworden sind, als wir am Fuße des Djebel Akkrai das Camp aufschlagen. Gegen Müdigkeit und Wanderkoller gibt es in Marokko ein Allheilmittel: Tee. Drei Bedingungen gibt es für den Sahraui für die Teezubereitung, sagt Youssef: Das sind die familiäre Umgebung, das Feuer und, wie könnte es anders sein, die Zeit. Und Youssef hat mal wieder Recht. Das erste Glas schmeckt ''bitter wie das Leben", das zweite ''süß wie die Liebe'' und das dritte ''weich wie der Tod''. Nach einer kräftigen Tajine, einem über dem Feuer geschmorten Gericht aus Fleisch, Obst, Kartoffeln und Gemüse, sinken wir todmüde in unsere warmen Schlafsäcke. Die Stadt Zagora ist das Ziel der nächsten Etappe. Knapp 30 000 Einwohner zählt diese letzte größere Siedlung des Königreiches an der Grenze zu Algerien. Hier gönnen wir uns einen Ruhetag. Nach einem ausgiebigen Besuch im Hamam (einem Dampfbad) inklusive Massage, stürzen wir uns in das abendliche Markttreiben, feilschen und handeln um bunte Tücher, Silberschmuck und Teekessel. Die Wüste, welch magisches Wort, ist unser Ziel am nächsten Tag. Auf weichen Sandpisten geht es zügig voran. Said biegt schließlich als Erster in das sandige Wadi Oued Draa ein. Von hier aus erklimmen die Fahrer Dünen, sausen steile Abhänge hinunter und freuen sich darüber, wenn uns zwischendurch das Herz stehen bleibt. Zwischen den großen Dünenfeldern von Chigaga schlagen wird das Lager auf. Bis zu 100 Meter hoch sind die Dünen. Wir erklimmen einige und erleben einen leuchtenden Sonnenuntergang, der die Wüste bis weit nach Algerien hinein in ein pittoreskes Rot verzaubert. Durch weite, offene Landschaften, durch flimmernde Steinwüsten, vorbei an Wadis und Tafelbergen, vorbei an kleinen Oasen führt die Rückfahrt nach Quarzazat. Für uns geht eine abwechslungsreiche Reise zu Ende. Wüste pur und gewaltige Landschaften. Youssef bringt die Eindrücke auf den Punkt und zitiert ein arabisches Sprichwort: ''Die Wüste ist der Garten Allahs, damit er einen Ort hat, wo er in Ruhe wandeln kann.''
Badische Neueste Nachrichten vom 06.03.2004
Rainer Haendle
Auf Schusters Rappen durch die Sahara
Sand so weit das Auge reicht. Die riesigen Dünenfelder von Chigaga glänzen in der Mittagssonne rötlich-braun. Das hügelige Meer aus kleinen Körnchen erstreckt sich auf einer Fläche von 3200 Quadratkilometern. "Irgendwo da ist Algerien", sagt Ibrahim und deutet Richtung Süden - dorthin, wo einst die französische Kolonialmacht mit dem Lineal auf einer Karte völlig willkürlich einen Trennstrich gezogen hatte. Mit seiner kleinen Gruppe stapft der 35-jährige Marrokaner im Sauseschritt durch den Sahara-Sand. Auf den 60 Meter hohen Dünen muss aber selbst der drahtige Führer einen Gang zurückschalten. Die Wüstenwanderer sinken tief ein, jeder Schritt wird zur Schwerstarbeit, der Puls rast. "Wie im Tiefschnee am Berg", murmelt einer der erschöpften Teilnehmer. Dafür entschädigt die Aussicht auf dem Sand-Gipfel. "Einfach fantastisch", sagt Lothar Weis, der 66-jährige pensionierte Realschullehrer aus Waghäusel bei Bruchsal, der selbst ausgebildeter Wanderführer beim Schwarzwaldverein ist. Dies ist seine
erste Tour durch eine Wüste. "Schon als Kind habe ich davon geträumt", erzählt er, "dieser Sand und der nächtliche Sternenhimmel sind wirklich einmalig".
Dass Lothar Weis schon vor einem halben Jahrhundert vom Sahara-Virus infiziert wurde, lag an Antoine de Saint-Exépury. Der französische Schriftsteller und Pilot schilderte die Sahara in seinem 1939 erschienenen Roman "Wind, Sand und Sterne" so plastisch, dass eine ganze Generation die Bilder vom fernen Nordafrika nicht mehr aus dem Kopf bekam. Der fünfte Tag der Wanderreise im Süden Marokkos: Nach der mehrstündigen Sand-Tour steigen die müden Dünen-Kletterer in die Geländewagen. Per Allrad geht es über Stock und Stein entlang der Bergkette des Djebel Bani durch Wadis und Schotterhaufen in Richtung Nordwest. Riesige Staubfahnen zeigen, wo sich die anderen Jeeps gerade durch das Gelände wühlen. Kurz vor Sonnenuntergang kann Mohammed, der Fahrer, mal wieder richtig Gas geben.
Die motorisierte Karawane braust über ein Schott, einen Salzsee, am Horizont flimmert die Luft immer noch. Während die Dämmerung hereinbricht, künden Lichter die Oase Foum-Zguid an, ein kleines Grenzdörfchen fernab der Zivilisation. Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, und gerade das macht den Charme des eigentlich nur für das Militär bedeutsamen Ortes aus. Wo sonst bildet sich noch eine große Menschentraube auf der Hauptstraße, um gemeinsam in einen alten Flimmerkasten zu starren. Wo sonst übernachtet der Tourist auf dem Dach einer überbelegten Herberge, um dann kurz nach Mitternacht eine Sternschnuppe nach der anderen am funkelnden Himmelszelt zu bewundern? Hier sorgt die Natur für beste Unterhaltung. Wer in den Nordwestzipfel des afrikanischen Kontinents reist, hat normalerweise zwei Dinge im Kopf: Strandurlaub oder die Königsstädte Rabat, Meknes, Fès und Marrakesch. Doch Marokko hat abseits der touristischen Trampelpfade viele weitere Glanzlichter zu bieten. Etwa hier im Süden Land der Berber, wo sich die Sahara in ihrer ganzen Vielfalt präsentiert. Die Wüste der vielen Gesichter: Bizarre Tafelberge wechseln sich ab mit ausgetrockneten Canyons, erstarrter Lava, fruchtbaren Oasen, Dünenfelder oder endlosen Lehm- und Schotterebenen. Zwischendurch tauchen immer wieder die trutzigen Kasbahs aus, die aus Lehm und Stroh kunstvoll errichteten Burgen, mit denen sich die Berberclans in den vergangenen Jahrhunderten vor Überfällen schützten. Trotz dieser Naturschönheiten und kulturellen Höhepunkte steckt die Tourismusbranche des Königreichs in einer Krise, die ehrgeizigen Expansionspläne sind längst Makulatur. "Wir leiden unter der Angst vor radialen Islamisten", sagt Abdellah Imamou vom marokkanischen Fremdenverkehrsamt in Düsseldorf. Trotz großer Werbekampagnen ist allein die Zahl der deutschen Gäste im Jahr 2003 um ein Viertel zurückgegangen. Das spürt auch Youssef Dakhamat, der in Zusammenarbeit mit Spezialveranstaltern in Deutschland und der Schweiz Wander- und Kameltouren von Zagora aus anbietet. Die Flaute nutzt der 28-jährige Geschäftsmann zum Bau eines Oasenhotels, in dem die Gäste in Nomadenzelten übernachten. "Chez le pacha hat Youssef sein jüngstes Projekt getauft. Hat er keine Angst, dass neue Anschläge den ohnehin dünneren Touristenstrom weiter versiegen lassen? "Inschallah" antwortet Youssef auf Fragen dieser Art, was auf arabisch so viel heißt wie "wenn Gott will". Viel lieber unterhält er sich während der Wanderung durch eine der Marsoberfläche gleichenden Landschaft über Fußball, den Volkssport Nummer eins im Lande. Der internationale Fußballverband Fifa will im Frühjahr entscheiden, wer die Weltmeisterschaft im Jahr 2010 austragen darf. Es gilt als ausgemacht, dass diesmal ein afrikanisches Land den Zuschlag erhält. Neben Marokko bewerben sich auch Tunesien, Libyen, Ägypten, Niger und Südafrika. "Nachdem ihr uns schon die WM 2006 weg geschnappt habt, müsst ihr uns jetzt unterstützen", sagt Youssef, "wir sind doch praktisch eure Nachbarn". In der Tat liegt Marokko nur durch die dreizehn Kilometer breite Straße von Gibraltar vom europäischen Festland entfernt. "Ein Baum, der seine Wurzeln in Afrika hat und seine Äste nach Europa ausstreckt", so hat der im Juli 1999
verstorbene König Hassan II. das von ihm regierte Land beschrieben. Sein liberalerer Sohn Muhammad VI. macht seitdem immer wieder Schlagzeilen mit Reformen, doch von einer Demokratie ist Marokko noch weit entfernt. Warum es nicht so einfach ist, die alten Feudalstrukturen aufzubrechen, warum die Schere zwischen Arm und Reich so riesengroß ist und vielerorts noch Dritte-Welt-Zustände herrschen, das kann nur der Besucher begreifen, der sich auf dieses Land einlässt und nicht nur die Folklore-Industrie in den großen Hotels konsumiert. Die Wüste bildet da einen guten Lehrmeister, denn wie sagt schon das alte arabische Sprichwort? "Der Weg zur Macht führt durch die Paläste, der Weg zum Reichtum durch die Basare. Aber der Weg zur Weisheit führt durch die Wüste". Und genau dort, in der Sahara, lauscht der Wanderer gebannt der Geschichte von den Tamarisken, den pflanzlichen Überlebenskünstlern in dieser rauen Umgebung. Dank ihrer bis zu 40 Meter tiefen Wurzeln können sie auch bei jahrelanger Trockenheit überleben und bieten so den Tieren der Nomaden eine Ernährungsquelle. Wenn sich die Kamele, Ziegen oder Schafe allerdings an einem Tamariskenstrauch zu schadlos halten, bildet dieser urplötzlich Bitterstoffe in den Blättern und versiegt damit als Nahrungsquelle. Und er informiert auch alle anderen Tamarisken in einem größeren Umkreis, die zu ihrem Schutz ebenfalls bitter werden. Wie diese Nachrichtenübertragung in der Pflanzenwelt der Wüste funktioniert, ist bis heute ein ungeklärtes Geheimnis der Natur. Geklärt ist dagegen die Herkunft von Felsgravuren in der Nähe der Oase Ait Ouazik. Die Tierzeichnungen sind 8000 bis 10000 Jahre alt und beweisen, dass diese karge Landschaft einst ebenso von Elefanten wie von Antilopen und Büffeln besiedelt war.
In der Provinzhauptstadt Zagora am Ufer des Dras steht am Ortsausgang ein verblichenes Schild mit der Aufschrift "Timbuktu 52 Tage", Zeugnis der längst beendeten, legendären Ära der Transsahara-Karawanen. Von hier aus sind es etwa 1500 Kilometer Luftlinie in die sagenumwobene Stadt in Mali. Wer dagegen dieser Tage im Süden Marokkos auf eine Kamel-Karawane trifft, hat es mit großer Wahrscheinlichkeit entweder mit Touristen oder mit Schmugglern zu tun. Dennoch fällt es dem Besucher alles andere als schwer, sich in längst vergangene Zeiten des Orients zurück zu versetzen. Bester Ausgangspunkt für die Zeitreise ist die Kasbah Ait Benhaddou, die schon in vielen Filmen - wie zum Beispiel in "Laurence von Arabien" - als Kulisse diente: Im Hintergrund die knapp 4200 Meter hohen schneebedeckten Gipfel des Hohen Atlas, davor der kunstvoll aus Stampflehm erbaute Wohnkomplex mit seinen unzähligen Ornamenten und zinnenbewehrten Ecktürmchen, der inzwischen wie das Kloster Maulbronn auf der Liste des Weltkulturerbes steht und mit UNESCO-Geldern vor dem Zerfall gerettet wurde. Vor dem Ensemble flattert die rote marokkanische Fahne im heißen Wüstenwind. Wer in diesem Schmuckstück der Berber-Geschichte etwas herumstöbert, wird auf viele Gemeinsamkeiten mit den Burgen des europäischen Mittelalters stoßen. Aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart: Die Wandergruppe hat gerade eine Oase durchquert und rastet im Schatten mehrerer Dattelpalmen. Was macht eigentlich den Reiz der Wüste aus? wird Rudolf Knirsch gefragt. Die Antwort des 76-Jährigen, der in den letzten Kriegstagen als Soldat der Wehrmacht im Kampf um Berlin einen Arm verloren hat, kommt ganz spontan: "Hier kannst du dich endlich wieder mal auf dich selbst besinnen", sagt er, hält dann kurz inne und fügt nachdenklich hinzu: "In der Wüste merkst du, dass du nur ein ganz winziger Bestandteil dieser Erde bist".
Die beste Reisezeit sind das "kühle" Frühjahr oder der Spätherbst mit idealen Wandertemperaturen. Weitere Informationen gibt es beim Staatlichen Marokkanischen Fremdenverkehrsamt, Graf-Adolf-Straße 59, 40210 Düsseldorf, Tel: (0211) 370551, www.tourismus-in-marokko.de Wandertouren mit Jeeps in Marokko bieten einige Veranstalter an. Zu den Pionieren zählt Trekking-Tours Rudolf Hoffmann, Wilhelm-Lehmbruck-Weg 10, 68163 Mannheim, Tel: (0621) 4006410, www-trh-reisen.de
Rhein-Main Presse 3. Januar 2004
von Karl Schlieker
Auf einen Tee in die Sahara
Trekkingreise durch den Süden Marokkos / Marabouts, Kasbahs und endlose Dünenfelder Halbdunkel.
Menschen wie Schatten. Nur schemenhaft sind die Umrisse des Vordermanns zu erkennen. Tastend bewegen wir uns vorwärts. Die vor der sengenden Sonne schützenden Wege, die wie Tunnel in die Wohnburgen getrieben wurden, führen unmittelbar zu lichten Innenhöfen. Ebenerdig sind die Ställe für Ziegen und Schafe untergebracht, in den oberen Stockwerken die Wohn- und Schlafräume. Konstruiert sind die mehrstöckigen Häuser aus gestampften, mit Maisstroh gemischten Lehm, getrockneten Lehmziegeln sowie Palmen- und Oleanderholz. Roh behauene Balken, auf die ein Rohrgeflecht im Fischgrätenmuster aufgelegt wird, tragen die Zwischendecken. Die sich nach oben verjüngenden Ecktürme werden als Speichersilos genutzt. Ihre kunstvollen Ornamente sollen böse Geister abwehren. In der glühenden Sonne in Marokkos Süden härten die Lehmwände blitzschnell. Bei Regen weicht allerdings das Gemäuer nach und nach auf, immer wieder brechen Lehmbrocken aus den Wänden. Deshalb ist nach jedem starken Regenguss eine Restaurierung fällig. Wolkenbrüche sind allerdings in der Prä-Sahara glücklicherweise eher selten. Die ockerfarbenen Wohnburgen dienten den Berbern einst als Zufluchtsort vor Überfällen feindlicher Clans, als Herrensitz, Markttreffpunkt, Gemeinschaftsspeicher und Sippenwohnung. Diese Kasbahs können eine freistehende Schutzburg sein oder zusammen mit weiteren Gebäuden ein ganzes Dorf bilden. Die moderne Zivilisation hat die traditionellen Lebensformen allerdings auch in Marokko weitgehend aufgelöst. Die Jüngeren ziehen in die Oasen, wo sie einfacher mit Wasser und Elektrizität versorgt werden können. Deshalb sind die meisten Kasbahs inzwischen verlassen. Im Zuge des aufkeimenden Tourismus werden ausgewählte Burgen und Dörfer jedoch restauriert und vor dem Verfall gerettet, so dass sie wieder einen Einblick in die früheren Verhältnisse geben. Besonders das im Morgenlicht strahlende Wehrdorf Aït Benhaddou, welches an einen Berghang gebaut wurde, zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Aufgrund seiner Ursprünglichkeit wurde der in der Nähe der Provinzhauptstadt Quarzazate gelegene Ort häufig als Filmkulisse genutzt. Altmeister der Filmkunst wie Sergio Leone, Robert Aldrich, David Lean oder Bernardo Bertolucci und Martin Scorsese drehten hier Meisterwerke wie "Lawrence von Arabien" oder "Sodom und Gomorrha". Von der Unesco wurde Aït Benhaddou als schützenswertes Weltkulturerbe eingestuft. Ortswechsel. Der Wind pfeift durch die Schlucht im Drâa-Tal südlich der vor den Dreitausendern des Hohen Atlas liegenden Hauptstadt der größten Dattelprovinz Marokkos, Quarzazate. Zerklüftet ragen an beiden Seiten die Felsen auf, der Fluss Drâa hat sich während vieler Jahre mühsam durch das Gebirgsmassiv gegraben. Wir laufen vorsichtig balancierend auf dem Geröll im ehemaligen Flussbett, bis wir schließlich eine winzige Oase erreichen. Sich senkrecht in den Himmel schraubende Dattelpalmen, die voller Früchte hängen, zeugen von Wasser im Untergrund. Eine verlassene Steinhütte mit einer über den Eingang eingebauten Astgabel gilt in der Region als heiliger Ort für Schlachtopfer und Beschneidungen. Die nordafrikanische Volkskultur der magischen Marabouts womit sowohl heilige Orte wie auch heilige Personen umschrieben werden ist im Islam aufgegangen, wird aber von strengen Schriftgelehrten nicht gerne gesehen. Doch die Tradition lebt. Im Arkaden-Innenhof einer Wallfahrtsstätte im beschaulichen Oasendorf Tamegroute sehen wir wenig später im Schneidersitz versunken, betende weiß gewandete Männer und schwarz verhüllte Frauen. In dem Gebäude an der Stirnseite sollen hinter dem verschlossenen Holzportal "von Gott trunkene" Marabouts aufgebahrt sein. Nebenan ist die von einer religiösen Bruderschaft im 16. Jahrhundert gegründete Buchsammlung untergebracht. Stolz präsentiert der 75-jährige Bibliotheksvorsteher Hadj Chalifa mit gebeugten Haupt die rund 4000 Bücher. Poesie, Gesetzestexte und Wörterbücher präsentiert er dort ebenso wie mit kunstvollen Bildern verzierte Korantext-Sammlungen. Heftig gestikulieren die Hände, der Oberkörper wiegt sich hin und her, ein Schwall von arabischen Worten ertönt. Wie in Trance bewegt sich der traditionell gekleidete junge Mann. Abrupt dreht er sich um und gibt den Blick auf sein rot blitzendes Mobiltelefon frei. Youssef Dakhamat ist Geschäftsmann und stets erreichbar. Fünf geländegängige Landrover, 22 Kamele, ein Andenkenladen und das in der Nähe von Mhamid liegende schicke Oasencamp "Chez le Pacha" managt der rührige 28-Jährige im Auftrag seines Familienclans. "Mein Problem ist, wenn ein Projekt läuft, plane ich bereits das nächste", erläutert der Tourismusmanager voller Ernsthaftigkeit. Als nächstes stehe die Gründung einer Baufirma auf dem Programm. Die Erfahrungen mit dem nach seinen Bauplänen entstehenden Restaurant machen ihm Mut. Allerdings spürt auch er die seit dem 11. September 2001 grassierende Tourismusflaute. Dabei seien Sicherheitsprobleme in der Region nahe der Grenze zu Algerien bisher nicht spürbar. Für Reisende hat der reduzierte Touristenstrom jedoch auch Vorteile, sie können sich über vergleichsweise ruhige Orte im Süden freuen. In Mhamid, wenige Kilometer von der algerischen Grenze entfernt, versiegt der im Hohen Atlas entsprungene Drâa endgültig im Untergrund. Die Sandwüste beginnt. Mit schweren Schritten stapfen wir die bis zu 100 Meter hohen Dünen hinauf. Der Sand knirscht schon bald zwischen den Zähnen, sammelt sich in Nase und Ohren, setzt sich in jeder zugänglichen Pore fest. Auf dem Kamm angekommen, öffnet sich der Blick auf scheinbar unendliche Weiten. Nicht umsonst beschreiben Einheimische die endlose Dünenlandschaft als "Meer ohne Wasser". Wenig später rinnt der süße Tee á la menthe unsere trockenen Kehlen herunter. Die Wanderschuhe von den heiß gelaufenen Füßen gestreift, sitzen wir erschöpft auf einer Decke und trinken das auf einem kunstvoll ziselierten Messingtablett servierte Nationalgetränk. Der Aufguss aus grünem Tee, frischen Pfefferminzblättern und sehr, sehr viel Zucker löscht den brennendsten Durst. Am nächsten Tag Aufbruch am frühen Morgen. Auf der Fahrt aus der Oase Foum-Zguid begegnen uns Kolonnen von radelnden Kindern, die ihre Hände in den Hosentaschen vergraben. Ein alter Mann treibt seine Ziegen vor sich her. Auf dem Markt am Ortsausgang häufen sich Jeans, Kleider, Töpfe und Geschirr, Schrauben, Werkzeug, Henna-Säcke, bunte Gewürze, Decken und goldgelbe Teppiche. Spitze, senkrecht in den Boden gerammte Steine markieren auf dem nahen Friedhof das Kopf- und Fußende der Verstorbenen. Palmenhaine säumen den weiten Weg zurück in die Provinzhauptstadt Quarzazate. Immer wieder passieren wir schwarzweiß gestreifte Fußballtore, die scheinbar verloren in der Steinwüste stehen. Nicht umsonst hofft Marokko auf die Austragung der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2010. Die Entscheidung für den Kontinent Afrika ist bereits gefallen. Im Mai 2004 steht dann fest, ob Marokko oder doch eher Südafrika, Ägypten oder Tunesien den Zuschlag erhält.
|