Dia-Show

DIE ZEIT vom 06.03.03
Von Michael Obert

Das Verschwinden hat in Tunesien Tradition. Kaum ein Land scheint besser geeignet, um sich als Wanderer in Luft aufzulösen. Zu Fuß durch den „Großen Süden“.

Durch die Wüste

Die Karawane soll spurlos verschwunden sein. Draußen auf dem Schott el-Djerid, einem riesigen Salzsee im tunesischen Süden, sei sie auf geheimnisvolle Weise verloren gegangen. Dies berichtet der arabische Gelehrte Sidi al-Tijani zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Tausend Kamele samt Treiber - einfach weg, entrückt, verpufft wie ein flüchtiger Gedanke. Ihr Schicksal wurde nie aufgeklärt.
Wie scheue Weggefährten begleiten der Schott el-Djerid und der Schott el-Gharsa die Wanderer, die seit Tagen das wüstenhafte, bis zu tausend Meter hohe Bergland um die Salzseen durchstreifen und immer wieder kurze Blicke auf eine flache Scheibe erhaschen, weit unten, vage, unermesslich wie ein Ozean, in Wahrheit jedoch ein gigantischer Riss in der Erdkruste, eine abflusslose Senke, aufgefüllt mit gelösten Salzen, Gips und anderen Sedimenten, die aus dem Gebirge dort hin-untergeschwemmt werden. Nach Regenfällen sind große Teile des Schotts überflutet. Doch jetzt ist das Wasser verdunstet. Salze blühen auf und überbacken die Ebene mit einer braunen Kruste, während in der Ferne eine bizarre Winterlandschaft flimmert - mit „Eis“ aus glitzernden Salzkristallen.
Was geschah mit den tausend Kamelen und ihren Treibern? Haben sie sich verirrt? Sind sie verdurstet? Eingebrochen? Versunken in metertiefen Salzsümpfen? Während man sich noch fragt, wie der Tross dort draußen abhanden gekommen sein mag, verschwindet der Schott plötzlich selbst, schiebt sich hinter scharfkantigen Fels, mit jedem Schritt ein Stück weiter, bis er fort ist. Für die Wanderer wird er stundenlang unsichtbar bleiben.
Tunesien ist vor allem für seine Sandstrände und sein mediterranes Klima bekannt, doch im von der Sahara geprägten, sonnenverbrannten „Großen Süden“ ziehen sich malerische Gebirgs-, Steppen- und Wüstenlandschaften bis an die algerische Grenze. Der Ausgangspunkt dieser Tagesetappe, die Bergoase Tamerza mit ihrer verlassenen Ruinenstadt, den zerflossenen Mauern und weiß getünchten Kuppeln der Heiligengräber, liegt schon weit zurück. Zwar glaubt man, dann und wann noch das Rauschen zu hören, das der Wind in den Palmkronen der Oase erzeugt - ein Geräusch wie von einer fernen Brandung -, doch hier oben ist es still. Kein Wind. Keine Palme. Überhaupt keine Pflanzen. Von ein paar widerspenstigen Rosmarinsträuchern abgesehen, die geizig mit ihrem Duft umgehen, in dieser sonst geruchlosen Öde.
Abderrahman, der sympathische, kleine Wanderführer aus der Gegend von Tozeur, hat zwei Jahre als Gastarbeiter in Saudi Arabien verbracht, spielt leidenschaftlich gerne Billard und spricht hervorragend Deutsch. Unermüdlich geht er durch das zerklüftete Massiv der Neguetberge voran. Um Wege kümmert er sich nicht. Er zeigt auf einen Punkt in der Ferne, auf einen spitzen Fels oder einen Sattel, und lacht und geht einfach los. Seine Idee vom Gehen scheint frei von Wegen. Er meidet sie, als seien sie Hindernisse. Auf diese Weise wandernd, kommt einem der spanische Dichter Antonio Machado in den Sinn, der schrieb: „Wanderer, es gibt keinen Weg. Weg entsteht im Gehen.“
Gehen also - vorbei an schroffen, zerfurchten Berghängen, bizarren Gipsformationen, zerstäubten grüngelben Mergelhaufen und schwarzen Felszähnen aus freigelegten Achaten. Unter den Schuhsohlen zerbricht ge-trocknete Erde wie Tonscherben. Alles in diesem Ruinenfeld der Natur zeugt von Vergänglichkeit; Vergänglichkeit des Gesteins, das platzt und bröckelt; Vergänglichkeit des Menschen, der hier entlang kommt.

Ein befreiendes und zugleich bedrückendes Gefühl. Bei einem Halt unter einer vorspringenden Felswand ertönen sonderbare Geräusche. Gabi, die ambitionierte Geschäftsfrau aus München, hat ihr Handy hochgeladen und schaut gespannt auf das Display. Schließlich lächelt sie. „Wir haben Verbindung“, sagt sie erleichtert. Es klingt wie „Gott sei Dank, wir sind noch da“ - noch.
Und dann, fast plötzlich, taucht der Schott wieder auf, bildet zwischen zwei Felstürmen eine stumpfe Winkelform, die sich zu einem weiten Horizont öffnet, eine leicht gekrümmte Schwingung im Raum, abstrakt und monochrom, wie eine Halluzination in Grau. Erst bei genauem Hinsehen sind aufgereihte Schatten zu erkennen, die gemächlich über den Salzsee ziehen, als sei die verschwundene Karawane eben wieder aufgetaucht, in umgekehrter Abfolge, wie sich einst Karl May ihr Ver-schwinden vorstellte. Auch der Volksdichter, der die Länder seiner Abenteuer nie selbst bereist hat und sich vielleicht von den Berichten arabischer Gelehrter wie Sidi al-Tijani inspirieren ließ, erzählt von einer Karawane aus mehr als tausend Lastkamelen, die den Schott el-Djerid überqueren musste. „Ein unglücklicher Zufall brachte das Leitkamel vom schmalen Weg ab“, heißt es in Mays Buch Durch die Wüste. „Es versank im Abgrund des Schotts. Ihm folgten alle anderen Tiere, die rettungslos in der zähen, seifigen Masse verschwanden.“
Kaum war die Karawane untergegangen, soll sich die Salzdecke wieder geschlossen und bald nichts mehr die Unglücksstelle verraten haben. Ein Blick durch das Fernglas hinunter auf den Schott enthüllt jedoch, dass die vermeintlichen Schatten nicht von einer Geisterkarawane rühren. Es sind nur Luftspiegelungen. Als der Wind dreht, verschwinden sie.
Das Verschwinden hat Tradition in Tunesien. Phönizier, Römer, Vandalen, Osmanen, Franzosen - alle kamen und gingen sie. Nur die Spuren, die sie im Land hinterlassen haben - die punischen Wohnviertel von Karthago, die römischen Ruinen von Dougga, die Paläste der türkischen Beys in der Medina von Tunis und die verspielten Jugendstilfassaden der Ville Nouvelle -, verweisen darauf, dass ihr Aufenthalt, gemessen an der Zeitleiste der Salzseen und der Neguetberge, länger als einen Augenblick gedauert haben muss. Und jetzt ist dem Land wieder etwas abhanden gekommen, Eroberer der modernen Art, Hunderttausende von Menschen, die ebenso überraschend und jäh aus Tunesien verschwunden sind wie die Karawane aus dem Schott - Touristen. Seit dem Anschlag auf Djerba sind die Ferienzentren im Land wie leer gefegt.
„Der Anschlag war eine schreckliche Gräueltat“, klagt Abderrahman, während er mit einem großen Schritt über einen Felsspalt steigt und betont, dass die Tunesier seit jeher friedlich mit Angehörigen anderer Religionen zusammenleben und die hinter dem Anschlag stehenden Beweggründe strikt ablehnen. Deshalb ist das Ver-schwinden der Touristen für Abderrahman fast so unerklärlich wie das der Karawane. Ob Tunesien nur so hart bestraft wird, weil es zur islamischen Welt gehört? Eine Frage, auf die Abderrahman keine Antwort weiß. Den meisten seiner Landsleute geht das so.
Die Wanderroute führt an der Kante eines senkrecht abfallenden Canyons entlang. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen einzelne Dattelpalmen auf schmalen Felsstufen an den Ausgängen erodierter Täler. Mauern aus Bruchstein sollen Niederschläge aufhalten und das Wasser den Bäumen zuführen. „Nach der Erschaffung des Menschen hatte Allah noch zwei Klümpchen Lehm übrig“, sagt Abderrahman und zeigt augenzwinkernd hinüber. „Aus dem einen schuf er das Kamel, aus dem anderen die Dattelpalme.“
Letztere bildet seit alters her die Lebensgrundlage der Region um die Schotts. In den Bergoasen wird das Wasser aus unterirdischen fossilen Vorräten über ein weitverzweigtes Netz kleiner Bewässerungskanäle bis in die hintersten Winkel der Gärten geleitet. Im Schatten der hoch aufragenden Palmen wachsen - der so genannten Drei-Etagen-Wirtschaft folgend - Obstbäume und in den Beeten darunter Getreide, Gemüse und Futterpflanzen. „Deglet en Nour“, schwärmt Abderrahman, und seine Augen leuchten beim Gedanken an die goldfarbenen Früchte der besten unter den rund siebzig lokalen Dattelsorten. Ihr Name bedeutet „Finger des Lichts“. Die Region bringt jährlich tausend Tonnen davon hervor. Der Großteil der Ernte ist für den Export nach Europa bestimmt.
Die Dattelpalmen verschwinden wieder aus dem Blickfeld. Ein moula-moula fliegt vorüber, spatzengroß, mit weißem Schwanz und weißer Kappe. Gleich darauf wächst unvermittelt ein Hirte aus dem Geröll. Der bärtige Mann im zerrissenen Wollmantel stützt sich lässig auf seinen Stock und betrachtet erstaunt die Fremden, die ihm keuchend entgegenkommen. Er führt die Hand zum Herz und lächelt voller Mitleid. Dann zieht er weiter, vielleicht hinunter zum Schott, den seine Ziegen als Salzweiden schätzen.
Begegnungen sind rar und eigenwillig in diesen ariden Landstrichen, wo sich Einheimische nur selten in die Öde verirren. In Tataouine, einem Ort in den Dahar-Bergen, trifft der Wanderer Tage später einen blinden Mann. Die Haut um seine Augen schlimm vernarbt, die Pupillen wie Quecksilber, wird der Alte stehen bleiben, um dem Fremden seine Hand zu reichen. „Ich habe gegen Ihren Großvater gekämpft“, wird er sagen, als er erfährt, dass er mit einem Deutschen spricht. „Oben an der Küste. Der Name Ihres Großvaters war Rommel, nicht wahr, man nannte ihn den Wüstenfuchs.“ Er lacht. Seine Hände liegen noch in denen des Fremden, die Haut weich und dünn wie Folie. „Ihr Großvater hat mir beide Augen weggeschossen“, wird der Blinde sagen. „Willkommen in Tunesien, mein Sohn. Kommen Sie, lassen Sie uns in meinem Haus Hammel essen.“
Abderrahman geht zügig voran. Der aufwirbelnde Staub frisst die eigenen Schatten von unten her. Ein immer stärker werdendes Gefühl der Verflüchtigung stellt sich ein, während das tagelange Wandern seine volle Wirkung entfaltet. Die meisten sind jetzt in Gedanken versunken, haben den Blick auf die Absätze ihres Vordermanns geheftet. Erinnerungssteine werden losgetreten. Renate erzählt von ihrer frühen Kindheit, von der großen Freiheit in einem Spessartdorf, von Meisen auf Apfelbäumen und der kleinen Katze, die gerne um ihre Beine strich. Günter, der pensionierte Molekularbiologe aus Mecklenburg, kehrt in Gedanken zu seiner Arbeit zurück. Dann hält er inne. „Hier draußen kommt mir das vor wie ein früheres Leben“, sagt er und lacht. Der Netzbalken auf Gabis Handy schrumpft. Die Verbindung wird stetig schwächer.
Trotz dieser Reise in frühere Lebensstadien, die das Gehen stimuliert, bleibt die fremde, karge Landschaft stets präsent; sie scheint sogar zutiefst notwendig. Die umliegenden Gebirgsformationen erinnern an die Hö-henlinien einer topographischen Landkarte, die sich in die Felswände gegraben haben, eine über der anderen, fein geschwungen, von der sinkenden Sonne durch kräftige Schatten betont. Ein Bilderbuch der Geomorphologie. Ursprünglich horizontale Schichten sind abgebrochen und stehen jetzt vertikal da, wild oszillierend wie der Ausschlag eines Elektrokardiogramms oder gleichmäßig nach außen strebend wie die Jahresringe von Bäumen. In der Ferne gleiten Frauen in bunten Gewändern durch die Öde, vielleicht Hirtenfrauen, schwebend zwischen Luftschichten und Fels. In dieser Gegend haben Begegnungen etwas von Halluzinationen. Kaum wird man sich ihrer bewusst, schon lösen sie sich wieder auf.
Am späten Nachmittag erreicht Abderrahman mit seinen Schützlingen einen Felsbalkon achthundert Meter über dem Schott el-Gharsa. Weit unten liegt die Oase Chebika. Ein paar Häuser, Palmenreihen. Der Wind trägt dünne Stimmen herauf. Pisten streben hinaus und verlieren sich auf dem Schott. Ein trockenes Flussbett markiert die algerische Grenze, welche die Franzosen auf dem Reißbrett quer durch Nordafrika gezogen haben. Sie trennt einen Raum in zwei Länder, der von hier oben ohne Unterschied ist: eine flimmernde, graubraune Ebene aus Geröll, Sand und Salz. Wolkenschatten, die darüber hinwegtreiben. In der Ferne löst sich alles in blauem Dunst auf. Absurder ist eine Grenze kaum vorstellbar.
Die Wanderer reißen sich von der atemberaubenden Aussicht los und tauchen wieder in die Bergwüste ein. Mit jedem Schritt, jedem durchquerten Hohlweg und Wadi hat das Auge dieses leere Land schätzen gelernt, seine pfadlose Monotonie und die Gelassenheit, die sie verströmt. Längst genießt man im Felslabyrinth das Spiel des Verwirrens und Verirrens. Die Sonne brennt, doch der eigene Schatten verliert sich einer bodenlosen Schlucht. Ein Blick auf das Handy. Keine Verbindung mehr. Es ist als habe man sich aufgelöst in diesem Trümmerfeld der Zeit. Wie die geheimnisvolle Karawane draußen auf dem Schott.

Empfohlener Reiseveranstalter
Der Hamburger Spezialveranstalter Trekkingtours Rudolf Hoffmann (TRH) bietet eine achttägige Wanderreise zu den Bergoasen und Berberdörfern im tunesischen Hinterland ab/bis Frankfurt, Übernachtung in Hotels, Halbpension, deutschsprachiger Wanderführer ab 940 Euro an. Nähere Informationen bei

Trekkingtours Rudolf Hoffmann (TRH)
Grete-Nevermann-Weg 16, D - 22559 Hamburg
Tel. 040-81 96 2129, Fax 040-81 96 2130
E-Mail: team@trh-reisen.de
Internet: www.trh-reisen.de

Sicherheit im Land
Das Auswärtige Amt hält das Sicherheitsrisiko in Tune-sien weiter für erhöht und rät in seinem Reisehinweis zu verstärkter Vorsicht. Vor Ort fühlt man sich nicht be-droht oder in irgendeiner Weise gefährdet. Dafür fällt die fast übertriebene Freundlichkeit auf, mit der die Tunesier den wenigen Gästen begegnen, die derzeit das Land bereisen.

Empfohlene Reiseliteratur
Tunesien, Eckert, U. & W., ausgezeichneter Reiseführer mit interessanten Routenvorschlägen, Plänen, Fotos und Internetadressen, Reise Know-How Verlag 2001, 696 Seiten, 23,50 Euro
Tunesia, (englisch), Willet, D., sehr guter Reiseführer für Individualisten, 50 detaillierte Karten, Farbfotos, günstige Unterkünfte, Lonely Planet 2001, 320 Seiten, 22,80 Euro

Situation in Tunesien nach dem Anschlag von Djerba

Das Auswärtige Amt hält das Sicherheitsrisiko in Tunesien weiterhin für erhöht und rät in seinem Reisehinweis zu verstärkter Vorsicht. Vor Ort fühlt man sich allerdings in keiner Weise bedroht. Im Gegenteil: Es fällt die fast schon übertriebene Höflichkeit auf, mit der die Tunesier den wenigen Gästen begegnen, die ihr Land derzeit besuchen.
Die tunesische Wirtschaft erlitt nach dem Anschlag einen Zusammenbruch. Offizielle Stellen sprechen von einem Rückgang der Buchungen um vierzig Prozent. Betroffene Tunesier beziffern ihre Einbußen dagegen nicht selten auf achtzig Prozent und mehr. Die Existenzgrundlage vieler Tunesier ist untrennbar mit dem Tourismus verbunden. Eine Kompensation fehlender Einnahmen durch alternative Verdienstquellen ist meist nicht möglich.
Die augenblickliche Situation stimmt umso nachdenklicher, als dieser Anschlag die Wirtschaft einer Region getroffen hat, in der die muslimische Bevölkerung seit jeher friedlich mit Angehörigen anderer Religionen zusammenlebt. Die Tunesier lehnen die hinter dem Anschlag stehenden Beweggründe strikt ab. Ebenso die Staatsführung. Als so genanntes „moderates Regime“ hat sie in den vergangenen Jahren - ähnlich wie Ägypten - den Einfluss islamistisch orientierter Oppositions-gruppen mit aller Härte zurückgedrängt.

Reisen und Sicherheit

80 Prozent der Bundesbürger erklärten jüngst, die Sicherheit sei das wichtigste Kriterium bei der Auswahl des Urlaubsortes. Mit zunehmenden Angriffen auf Touristen werden betroffene Länder möglicherweise in immer schnelleren Takten fluchtartig verlassen. Aber wohin ausweichen? Viele der dem Profil der Massen entsprechenden Länder liegen in Regionen, welche die Marketingstrategen der Branche für „islamische Problemzonen“ halten - die Türkei, Ägypten, Tunesien, Marokko, um einige zu nennen. Werden die Urlauber künftig schneller vergessen müssen? Nach dem Motto: Jetzt nicht mehr nach Tunesien, dafür wieder nach Ägypten? Werden sie auf teurere Destinationen ausweichen, die sie für „sicher“ halten? Oder werden sie kurzerhand zu Hause bleiben? Letzteres glauben Experten wie Ernst Hinsken, Vorsitzender des Tourismusausschusses im Bundestag, nicht: „Die Menschen werden nicht auf das Reisen verzichten. Urlaub auf Balkonien kann keine Antwort auf die terroristische Bedrohung sein.“ Hinsken hält es darüber hinaus für einen Fehler, islamische Länder generell zu touristischen Problemzonen zu erklären, und fordert stattdessen alle Urlaubsdestinationen auf, die Sicherheitsstandards auf höchstes Niveau zu bringen.


Wiesbadener Kurier, 2./4. April 1993
Stille und Sterne in der Wüste - Abenteuer einer Wanderung durch Berge und Dünen - Der Mensch im Einklang mit der Natur
von Elke Baade

"So,jetzt geh'n wir diesen Berg hoch!" Ich starre unseren Reiseführer an, glaube an einen Scherz - das schaffe ich nie! Doch Rudolf Hoffmann meint es ernst, und zum ersten Mal fällt mir das Herz in die Wanderhose. Mir dämmert langsam, warum er mit so kritischem Blick auf meine Füße geblickt hat: Meine derben, knöchelhohen Schuhe mochten wohl für Rheingau-Hänge und Taunus-Höhen geeignet sein, aber für die südtunesischen Berge sind sie nicht eben das Non-plus-Ultra. Ich verwünsche die verrückte Idee einer winterlichen Wüsten-Wanderreise - und überhaupt: Wo ist denn eigentlich die Wüste? Wohin ich blicke, sehe ich unwirtliches Gebirge. Rudolf klärt auf: Nur 20 Prozent der Wüste bestehen aus Sand, der Rest ist Stein- und Geröll-Wüste.
Also los! Ich zwinge mich, nicht nach oben zu schauen, hefte meine Augen stur auf den Boden vor mir, suche Steine, die mir Halt geben, setze mechanisch Fuß vor Fuß, der Pulsschlag wird höher, die Schläfen klopfen, das Herz schlägt bis zum Hals. Ich denke an meine schweißtreibenden Übungen im Fitness-Studio und muss lachen. Und dann bin ich oben, auf einem Plateau, mit einer atemberaubend weiten Sicht. Ich schaue hinab, etwa 200 steile Meter habe ich zurückgelegt. Das erwartete Siegergefühl bleibt aus, ich zerre hastig meine Wasserflasche aus dem Rucksack, dann marschieren wir weiter, kommen zu einem grünen Fleckchen mit schattenspendenden Olivenbäumen, machen ein Päuschen. Doch der eisige Wind treibt uns bald weiter. Als wir nach fünf Stunden durch das Dahar-Bergland endlich im Dorf ankommen, werden wir von unseren einheimischen Fahrern grinsend empfangen - wer sich freiwillig in das unwegsame Gelände begibt, durch das die Nomaden notgedrungen ziehen (knapp 500 gibt es noch in Tunesien), muß einfach verrückt sein. Daß sie nicht ganz unrecht haben, wird mir beim Anblick unserer Unterkunft für die nächste Nacht klar. "Hotel Ksar Hadada" steht am Eingang einer alten Speicherburg, in der früher die Nomaden ihre Getreidevorräte lagerten und die zur Übernachtungsstätte umgebaut wurde. Ich krabbele mit meinem Seesack über eine steile Außentreppe, öffne die ächzende Holztür - und lache laut auf, halb vor Verzweiflung, halb vor Begeisterung über die ungewöhnliche Schlafstatt. Nur in gebückter Haltung kann ich mich bewegen, im weißgetünchten Mauerwerk stehen zwei Betten, es ist düster, das Fenster ist mit Pappe zugenagelt, der rostige Riegel meiner Tür lässt sich nicht schließen, dafür entdecke ich einen Lichtschalter und im Nebenraum ein richtiges WC, ein Waschbecken und eine Dusche, die allerdings nur im Sitzen zu nutzen wäre. Ich denke nicht im Traum daran, mich zu waschen, es ist lausig kalt.
Dick eingemummelt löffeln wir später an niedrigen Tischen eine scharfe Suppe, essen unseren ersten Couscous und machen die Bekanntschaft mit Boukha, dem herrlichen Feigenschnaps. Langsam verstehe ich Rudolf Hoffmanns Gedanken, solche Touren zu organisieren. Er selbst wandert gern ("Ich bin ein Wald- und Wiesenmensch"), und aus dieser Leidenschaft entstand vor sieben Jahren in Hamburg sein kleines, aber feines Unternehmen für Trekking-Touren. Der aus der Südeifel stammende Geophysiker möchte das Umweltbewußtsein schärfen, die Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur und die verschiedenen Siedlungsformen der Einheimischen zeigen. Als ich nach dem Essen in meinen warmen Schlafsack krieche, fühle ich mich wohlig müde und entspannt, ich horche in die Nacht, und zum ersten Mal wird mir die große Stille der Wüstenlandschaft bewußt.
Um 5 Uhr am Morgen weckt mich der Muezzin von der Moschee direkt gegenüber, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Ich bin aufgeregt, heute werde ich endlich die Sandwüste sehen. Wieder geht es über holprige Schotterstraßen durch karges Gelände, ab und zu ein Busch, ein paar Nomaden mit ihren Ziegen und Schafen, winkende Kinder, Steine, Staub und endlich Sand! In der Ferne plötzlich Grün, die ersten Kamele tauchen auf. Palmen über Palmen in der Oase Ksar Ghilane, im Garten große Zelte mit Matratzen, Tamarisken-Bäume als Windwall. Es ist soweit: Unsere Dromedare werden beladen, der Ritt in die Sahara beginnt. Mein Tier erhebt sich, mir wird für einen Augenblick schwindlig, ich finde es gar nicht lustig so hoch oben. Doch nach ein paar Minuten gewöhne ich mich daran, beobachte den typischen Paßgang der Tiere, bewundere die schlanken Beine und die langen Wimpern. Wir lassen uns von der sanften Schönheit der Wüste einfangen, der Wind treibt sein Spiel mit dem Sand, entwirft immer neue Muster, die Wolken sorgen für immer neue Farbschattierungen, die weichen Rundungen der Dünen strahlen eine grenzenlose Harmonie aus. Ein arabisches Sprichwort sagt: "Die Sahara ist der Garten Allahs, aus dem dieser alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln kann." Ich versinke in der Stille - selbst die Schritte unserer Dromedare tauchen lautlos in den Sand. Ab und zu ertönt ein gurgelndes Brummeln, wenn ein brünstiges Tier sein Gaumensegel, auch "Brüllsack" genannt, aus dem Schlund zieht und aufbläht. Ein Ton, den wir später regelrecht vermissen. Unsere einheimischen Begleiter ziehen zielstrebig voran, wir fragen uns, wie sie sich in der endlosen Weite orientieren. Kein Horizont, kein Baum, nichts weist den Weg. Und plötzlich halten sie unsere kleine Karawane an - hier wollen wir die Nacht verbringen. Mit wenigen Handgriffen werden ein paar dicke Holzpflöcke in den weichen Sandboden getrieben, eine dicke braune Decke darüber gehängt. Wir warten auf weitere Vorkehrungen, damit daraus ein behagliches Nachtquartier werde, doch da kommt nichts mehr - das Beduinenzelt ist fertig. Vorn und hinten offen, der Wind bläst durch. Ich bin einen Moment lang entsetzt: Mit Sicherheit werde ich in dieser Nacht erfrieren. Ganz zu schweigen von den bösen Skorpionen und Schlangen, vor denen man mich gewarnt hat. Doch ich habe keine Zeit, weiter herumzuphantasieren - wir dürfen Holz sammeln fürs abendliche Feuer. Langsam unterscheide ich in der aufkommenden Dämmerung die stacheligen Büsche von den vertrockneten Bodengewächsen, die später mit funkensprühendem Knacken einen herrlichen Duft verbreiten. Wann habe ich zum letzten Mal an einem Lagerfeuer gesessen? Erinnerungen aus alten Zeiten werden wach, ich komme ins Sinnieren, wo stehe ich heute? Ich lehne mich zurück, knabbere am Wüstenbrot, das unsere Begleiter frisch gebacken haben, ein bißchen Sand knirscht zwischen den Zähnen. Und dann sehe ich den Himmel über mir, höre auf zu kauen. Exupérys "Kleiner Prinz" kommt mir in den Sinn, von fünfhunderteiner Million sechshundertzweiundzwanzigtausend-siebenhunderteinunddreißig Sternen ist dort die Rede - hier sind sie, vielleicht noch mehr. An keinem Flecken der Erde habe ich den Nachthimmel so gesehen, die Sterne wie eine dichtgewebte, funkelnde Decke. Ich höre nicht mehr auf das Gemurmel der anderen, tapse durch die Dunkelheit zum Zelt, fühle mich wie eine Zwiebel mit meinen vielen Kleiderhüllen. Die kühle Nachtluft weht mir über die Nasenspitze, hinter mir höre ich das Knabbern eines Dromedars, ich habe keine Angst mehr. Ein Eselsschrei weckt mich, ich äuge hinaus, der Morgen graut. Ich schäle mich aus meinem Schlafsack, steige vorsichtig über die bunten Wülste, in denen meine Mitwanderer liegen, strecke mich in der frischen Morgenluft. Wie neugeboren stapfe ich durch die Wüste, versinke bis zu den Knien im Sand, stoße immer wieder auf eines unserer Tiere, die mich aufmerksam beobachten. Ich traue mich näher heran, suche meinen "Dromi", fühle mich eins mit den großen Wüstenschiffen und der Weite ringsum. "Der Mensch im Einklang mit der Natur", was so abgedroschen klingt, erlebe ich hier in der Stille des Sonnenaufgangs hautnah. Die Welt ist jetzt in Ordnung. Unsere Begleiter haben ein Feuerchen entfacht, ich gehe hin, versuche ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, wortkarg wärmen sie sich die Hände - sie haben im Freien geschlafen, ohne den Luxus einer Iso-Matte, nur in ihre Umhänge und eine Wolldecke gehüllt. Ich sehe beim Brotteigkneten zu, das Morgenlicht wird wärmer, die Wüste verändert ihre Farbe, schlaftrunken gesellen sich die anderen dazu, wir trinken schrecklich bitteren grünen Tee und Kaffee aus zerbeulten, löchrigen Kannen, sammeln die leeren Weinflaschen vom Abend ein. Rudolf achtet darauf, daß nichts liegen bleibt, auch wenn die Einheimischen das nicht verstehen. Umweltschutz? Sie zucken mit den Schultern. Auch unserer Fahrer Beshir - ein "Sohn des Lichts" - schaut verständnislos, als wir ihn Tage später beim Warten auf die Fähre nach Djerba bitten, den Motor abzustellen. Diese verrückten Wandervögel! Was die so alles bewegt! Erst plagen sie sich tagelang durch Berge und ausgetrocknete Wadis, lassen sich durch die Chotts (Salzsümpfe) kutschieren, fotografieren wie die Wilden, fallen beim Übernachten von einem Extrem ins andere (vom spartanischen Höhlen-"Hotel" in Matmata bis zur Luxusherberge mit Pool und Fernsehgerät in der Oase Tamerza), schwärmen einmal vom Couscous mit Kamelfleisch und dann wieder von der französischen Küche mit Loup de Mer. Komisches Völkchen! Daß ich gern wieder in die Wüste ginge, wenn mich jemand hinschickte, würde er wohl auch nur schwer verstehen.
Veranstalter der hier beschriebenen Reise ist der Outdoor-Spezialist Trekkingtours Rudolf Hoffmann (TRH-Natürlich Reisen), Grete-Nevermann-Weg 16, 22559 Hamburg, Tel. 040/81962-129, Fax 81962-130




Sächsische Zeitung Dresden

Thomas Schade

Nomaden auf Zeit

Tunesien Wanderer, die auch im Winter nicht rasten wollen, finden Alternativen in Afrika. Wie ein furztrockener Keks knackt der Boden unter den Schritten. Der Fuß sinkt durch die weiße Kruste ein, mal mehr, mal weniger. Dann bilden sich Risse um den Stiefel, sie ähneln einem Spinnennetz. In der Dämmerung zeichnen sich nur noch die Umrisse der Lehmhütten von Alt-Zaafrane ab. Die verlassene Oase versinkt langsam im Dünenmeer des Grand Erg Oriental. Die große östliche Sandwüste in der Mitte Tunesiens, wo die Beduinen die raue felsige Landschaft "Bar bela ma" (Meer ohne Wasser) nennen, ist eine gute Gegend für Legenden. Zerklüftete Täler, Salzseen, und die malerischen Gebirgsketten - Ausläufer des Atlasgebirges.

"Siehst Du den Chott, Sidhi? Hast Du ihn schon einmal überquert?", so fragt Hadschi Halef Omar am Rande des Chott el Djerid seinen Herren. "Nein", antwortet Kara ben Nemsi. Trivial-Literat Karl May wusste wohl aus Reiseberichten, dass hier Karawanen beim Ritt über den riesigen Salzsee el Djerid verschwanden. Ein guter Ort also für abenteuerliche Geschichten. Nur einige Kilometer nördlich suchte sich 1996 Regisseur Anthony Minghella die wilden Neguet-Berge mit ihren alten Oasen als Drehort für sein Oscar prämiertes Liebesdrama "Der englische Patient" aus. Hier kreist der Filmaristokrat Laszlo Almasy, gespielt von Ralph Fiennes, in seinem einmotorigen Doppeldecker auf der Suche nach alten Oasen über der Wüste. Hier stirbt seine geliebte Katharine Clifton, dargestellt von Kristin Scott-Thomas, in einer der Berghöhlen unweit von Mides den Filmtod. Heute verirren sich lediglich ein paar Touristen-Jeeps von der Küste nach Mides direkt an der algerischen Grenze. Der Ort gehörte mal zum berühmten römischen Limes Tripolitanis.

Verlockung herber Schönheit

Auch Rudi Hoffmann redet kaum von den Legenden. Als Reiseleiter lockt er mit der herben landschaftlichen Schönheit und der wechselvollen Geschichte zu Trekking- und Wanderreisen nach Tunesien. Von Oasen aus lässt es sich zu Fuß im Frühjahr und im Herbst recht abenteuerlich entdecken. Eine von ihnen ist die malerische Gebirgsoase Tamerza, deren schmaler Grüngürtel im Tal des Khanga-Flusses liegt. Reiche Familien aus Tunis errichteten hier das nobelste Hotel des Südens. Bei seinen Touren durch die felsige Landschaft der Neguet-Berge stehen dem 46-jährigen Reiseleiter weder ausgetretene Pfade, noch Hinweisschilder zur Verfügung. "Ortskenntnis ist gefragt", sagt der 46-Jährige. In einer Kurve verlässt er die Straße und steigt mit seiner Reisegruppe in das Bett des Khanga hinab.

Kaum zu glauben, dass die Gewalt des Flusses vor Jahren die alte Termerza-Oase fast komplett weggespült hat. Jetzt im Frühjahr schlängelt sich durch das Tal nur ein Bach, an dessen Ufern Dattelpalmen sichtlich leiden. Nicht Wassermangel, sondern die Kälte des nordafrikanischen Winters habe sie braun werden lassen, vermutet Hoffmann. Gelb blühender Raps und lila leuchtende Rosmarinsträucher am Weg geben ihm Recht. Über gelben Sand und Kalkgestein führt die Tour aus dem Tal heraus immer bergan. Vorbei an tonnenschweren Felstrümmern, die die Erosion von den Bergen sprengte. Bald säumen nur noch Ginstersträucher den Weg. Zielstrebig steuert Rudi Hoffmann auf einen breiten Geröllhang zu. Als das Gestein unter den Füßen schließlich die Farbe wechselt - von gelbbraun hin zu schwarz und fast weiß -, macht er Pause und eröffnet der staunenden Reisegruppe: "Wir rasten an einem Bergwerk aus der Frühgeschichte der Menschheit."

Zeitreise durch Jahrtausende

"Versetzt Euch in die Zeit vor fast 100 000 Jahren, als hier an den Hängen noch Palmen wuchsen und die Menschen gerade begannen, Feuer zu schlagen und aus Steinen Werkzeuge zu formen", sagt er. Auf der Suche nach geeignetem Material seien nordafrikanische Frühmenschen hier an den Ausläufern des Atlasgebirges fündig geworden.Tatsächlich liegt auf hunderten Quadratmetern verstreut vulkanisches Basaltgestein, wie man es eigentlich nur an Küsten vermutet - rund geschrubbt von der Bewegung auf dem Meeresboden. Fast jeder zweite Stein ist zertrümmert. Deutlich ist sichtbar, wie weißer Muschelkalk den dunklen Basalt umkrustet hat. Feuersteine aus Nordafrika seien schon in Skandinavien gefunden worden, sagt Rudi Hoffmann. Ohne lange suchen zu müssen, entdeckt er am Hang des Wüstengebirges Muschelabdrücke. "Vor etwa 100 Millionen Jahren war hier noch der Grund des Ur-Mittelmeeres Thetys", sagt er und erklärt, wie in Nordafrika die Kontinentalverschiebung einsetzte, die heute Erdbeben verursache. Dabei sei das vulkanische Basaltgestein an die Erdoberfläche gelangt und vom zurückweichenden Meer geformt worden. Hoffmann lenkt die Blicke auf die schräg nach Norden geneigten Bergplateaus einiger Neguet-Berge mit schroff nach Süden abfallenden Geröllhängen. Zwischen dem gelbbraunen Fels zeichnen sich deutlich die fast weißen Kalksteinschichten ab. An der Seite des geologisch ausgebildeten Hoffmann läuft die achttägige Trekkingtour durch den Süden Tunesiens ab, wie eine Zeitreise durch die wechselvolle Geschichte des Landes. Im Landesinneren führt sie vorbei an der alten römischen Siedlung Sufetula vor den Toren der Stadt Sbeitla. Die Ursprünge gehen zurück auf die Zeit nach der Zerstörung Karthagos (149 - 146 v. Chr.), als die neue Provinz "Africa" zur "Kornkammer und zum Weinfass Roms" wurde, wie Hoffmann es sagt.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird das alte Sufetula wieder ausgegraben. Der Rundgang über das fast zweitausend Jahre alte Pflaster führt vorbei an Badehäusern mit erstaunlichen Mosaiken, an Trinkhallen, in denen sich mal Legionäre und Händler amüsierten. Nach strenger Bauordnung reihen sich die Villen der Neureichen aneinander, denen der florierende Handel mit Rom in kurzer Zeit zu Wohlstand verhalf. Süffisant erzählt Hoffmann, wie die drei großen Tempel am Forum Romanum, dem Zentrum, "als Steuersparmodell" errichtet wurden. "Zur Ehre der Götter und zum Schaden des Finanzamtes" soll damals das Motto gewesen sein. Auf der Fahrt zur Oase Douz spricht Rudi Hoffmann gravierende Widersprüche im Kampf gegen die natürliche Verwüstung des Landes an. So werden zwar ganze Gebirgszüge zu Nationalparks erklärt, damit sich das Halfagras ausbreiten kann, ein äußerst widerstandsfähiges Gewächs. Wenige Kilometer von den Parks entfernt zeigt er, wie Berberfrauen dieses Gras niedersicheln, um es für ein paar Dinar als Rohstoff an die großen Zellulosefabriken zu verkaufen.

Die Wüste, wo es am stillsten ist

"Aussichtslos" nennt der Tunesien-Kenner den Kampf der Beduinen gegen die Sahara. Hoffmann weiß, worüber er spricht. Ähnlich wie "Der englische Patient", nur etwa 40 Jahre später, flog er im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit als Luftbildfotograf über die nordafrikanische Wüste und verglich seine Fotos mit den erhaltenen englischen Luftbildern aus den 40er Jahren. Der Vormarsch der riesigen Dünen sei deutlich sichtbar. In der verlassenen Oase von Alt-Zaafrane ist das allgegenwärtig. Palmen und alte Berberhütten versinken in riesigen Sanddünen. Schritt für Schritt weichen die Menschen Wind, Sonne und Sand. Um so faszinierender ist das Erlebnis Wüste. Bleibt die Zivilisation am Horizont zurück, ist die Stille nirgendwo größer und das Gefühl der Einsamkeit nirgendwo intensiver, als in den endlos erscheinenden Sanddünen. Hoffmann unternimmt mehrtägige Trekkingkarawanen durch die Wüste. Als "Nomaden auf Zeit" zu reisen nennt er das, die "ursprünglichste Form" von einem Ort zum anderen zu kommen.


Reise-Info

Spezialveranstalter: Trekkingtours Rudolf Hoffmann (TRH).

Sicherheit: Die achttägige Tour verlief ohne Zwischenfall, ständige Auto-Kontrollen der Polizei wirken eher lästig. TRH reist mit einheimischen Führern, nutzt Logistik vor Ort und erwartet dafür Sicherheit.

Reisezeit: Frühjahr und Herbst empfohlen

Schwierigkeitsgrad: Trekking wird in mehreren nordafrikanischen Ländern angeboten. Über Anforderungen informiert der Katalog.

Komfort: Abseits großer Touristenströme wird in Hotels mit Bad/WC abgestiegen. Autofahrten zu den Hotels mit dem Kleinbus sind jedoch teilweise, lang und etwas strapaziös.