Dia-Show

STUTTGARTER SONNTAGSZEITUNG vom 05/2002
Wo die Riesen Pilze sammeln
von Beate Köhne

Die bizarre Vulkanlandschaft von Kappadokien lockt viele Tagesausflügler von der türkischen Mittelmeerküste ins zentralanatolische Hochland. Wer etwas mehr von der Aufsehen erregenden Landschaft haben möchte muss sich Zeit nehmen - und vor allem die Wanderschuhe einpacken. Jeden Morgen, pünktlich um halb sieben, schnaubt und keucht der Riese. Es ist ein lang anhaltendes, ächzendes Geräusch, das jeden weckt, der bei geöffnetem Fenster schläft. Ein erster Blick nach draußen zeigt sanft geschwungene Tuffkegel, die dicht aneinandergeschmiegt ihre gerundeten Formen dem Himmel entgegenstrecken, eine in den kühlen Morgen hinübergerettete Traumlandschaft. Niemand könnte an der Volkssage zweifeln, in der von den Riesen erzählt wird, die zwischen diesen Felsformationen wohnen. Selbst als sich das Fauchen etwas weiter entfernt hat und die Heißluftballons im Blickfeld auftauchen, mag man die Giganten nicht mehr vergessen. Im Vulkangebiet rund um die zentralanatolische Kleinstadt Göreme ragen Pilze, Kegel und Knubbel auf einer Fläche von rund 300 Quadratkilometern empor, mal rau und abweisend, mal glatt geschliffen und lieblich wie von Riesenhand aus Eischnee gezogen. Steinerne Nadeln, Spargel und Türme stehen in Gruppen beisammen, kecke Basalthäubchen auf ihren Spitzen balancierend. Manche sind bis zu 40 Meter hoch. "Feenkamine" werden die Gebilde genannt, "Mönchskappen" oder auch schon mal "Weltwunder". Die wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung der bizarren Landschaft ist einfach und bei klarem Wetter mit bloßem Auge erkennbar. Der schneebedeckte Erciyes Dagi galt, als er noch aktiv war, mit seinen 3.916 Metern als einer der mächtigsten Vulkane Kleinasiens. Gemeinsam mit seinem weiß behaupteten Nachbarn, dem Hasan Dagi, spie er so viel Lava und Asche, bis mehrere Schichten übereinander lagerten. Je schneller der Lavastrom erstarrte, desto leichter wurde das Gestein, da Dämpfe und Gase nicht entweichen konnten. So war es auch für Wind und Wasser ein Leichtes, aus dem butterweichen hellen Tuffgestein die seltsamsten Formen zu schmirgeln. "Wenn du kein Geld hast zum Mond zu fliegen, dann komm nach Kappadokien", sagt Reiseführer Ali Kaya gerne, und je nach Tageszeit und Laune ersetzt er den Mond auch mal durch den Mars. Er selber ist nicht wirklich freiwillig hergekommen. Mit 17 machte er sich gemeinsam mit seinen Eltern von Berlin-Wedding auf zum Heimatbesuch in die kappadokische Provinzhauptstadt Nevsehir. Die Eltern wollten nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und wussten, dass sein Pass ein paar Tage nach der Ankunft ablaufen würde. So gab es auch für den jungen Ali kein Zurück. "Sie wollten ihren einzigen Sohn nicht verlieren", sagt er heute verständnisvoll. Wie schön die Gegend war, in die es ihn wider Willen verschlagen hatte, begriff er erst während seiner Ausbildung zum Reiseleiter. Die zarten Sonnenstrahlen haben noch nicht die Kraft, die Kühle der Nacht zu vertreiben, tauchen das Tal von Göreme aber bereits in warmes Gelb. "Anatolia" bedeutet sowohl "Osten" als auch "Sonnenaufgang". Vor dem Freilichtmuseum von Göreme rangieren die ersten Touristenbusse. Nur ein paar Kilometer weiter, im Roten Tal Kizil çukur und dem parallel dazu verlaufenden Güllü Dere, dem Rosental, ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Noch nicht einmal das Rauschen des Kizilirmak, des längsten Flusses Anatoliens, dessen Wasserlauf so viele Wanderungen in Kappadokien begleitet, ist zu hören. Manchmal gurrt eine Taube, um sich dann wieder durch einen schmalen Spalt in einen ausgehöhlten Felskegel zurückzuziehen. Die Luft ist noch feucht im grünen Tal. Roter schwerer Boden klebt an den Wanderschuhen. Am Rande des Pfades wachsen Mandel- und Aprikosenbäume, hinter ihnen erhebt sich in fließenden Formen das Tuffgestein. Auf winzigen, säuberlich gepflügten Äckern, kilometerweit vom nächsten Dorf entfernt, klammern sich knorrige Weinreben dicht an den Boden. Eine freundlich grüßende Bäuerin lockert die Erde mit einer Spitzhacke auf. Der kappadokische Vulkanboden ist fruchtbar und außerdem ein exzellenter Wasserspeicher. Deswegen galt die Gegend seit alters her als Kornkammer Anatoliens. Davon profitierten schon die Hethiter, die hier im zweiten Jahrtausend vor Christus lebten. Sie waren nicht die ersten Siedler, - die frühesten Spuren stammen aus dem Jahr 8000 vor Christus. Später kamen die Phryger und die Lyder, dann die Perser, die Griechen, und natürlich die Römer. Die Isaurier fielen im fünften Jahrhundert nach Christus ein, die Hunnen im Sechsten. Es gab Auseinandersetzungen mit den Sassaniden, den Persern und später den Arabern, gegen die das byzantinische Heer 1071 endgültig verlor. Dann herrschten die Seldschuken, die Turkmenen und schließlich den Osmanen. Bei so viel Säbelgerassel ist es gut vorstellbar, dass sich die frühchristlichen Bewohner des schwer zu schützenden Kappadokiens immer mehr in die entlegenen Vulkanlandschaften zurückgezogen haben und sich dort auch immer tiefer in die Felsen eingruben. Wie tief, das wurde erst vor 40 Jahren klar. 1963 entdeckte Ömer Demir in Derinkuyu eine unterirdische Stadt. "Es heißt, sein Huhn sei auf einmal in ein Loch gefallen und verschwunden", sagt Ali Kaya. Auf jeden Fall begann Demir zu graben. Bis heute sind acht Stockwerke bis in eine Tiefe von 40 Metern freigelegt, mindestens acht weitere sollen sich noch darunter befinden. Wieviele unterirdische Städte es in Kappadokien geben mag, ist nach wie vor unklar, ebenso wie die Zahl frühchristlicher Kirchen. Rund 3.000 von ihnen wurden bereits entdeckt, viele von ihnen mit wunderschönen bunten Fresken verziert. Wenn ein Bauer jedoch auf seinem Grundstück eine byzantinische Kirche findet, muss er sie gegen ein geringes Entgelt dem Staat abtreten, obwohl sie sich doch so gut als Geräteschuppen, Taubenhaus oder Unterstand zum Picknick benutzen ließe. Verständlich, dass das nicht jeder tut. "Man kann nicht erwarten, dass christliche Kirchen in einem muslimischen Land besonders gepflegt werden", sagt Ali Kaya. Zumal es so viele von ihnen gibt. Weil Kappadokien - eines der wichtigsten Zentren des byzantinischen Reichs - an Kulturgeschichte ebenso reich wie an atemberaubenden Landschaftsformationen, wurde 1985 auch ein Teil der Region von der UNESCO als Weltkulturerbe unter Schutz gestellt. In der "Üç haçli kilise", der Kirche der drei Kreuze, ist als Symbol für Jesus ein Kreuz in die steinerne Decke gemeisselt worden, umgeben von vier Kreisen für die vier Evangelisten. Die Fresken im Nebenraum dieser Höhlenkirche, die wie so viele ihrer Art aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammen soll, sind nur noch teilweise erhalten. Zahlreiche Götterbildnisse wurden auch von den Griechen zerstört, als diese 1923 die Türkei verlassen mussten, damit keine "Ungläubigen" ihre Götter betrachteten. Andere Fresken waren bereits dem Bilderstreit zum Opfer gefallen, der das frühbyzantinische Reich bis ins 9. Jahrhundert hinein erschütterte, und die figürliche Christusdarstellungen als gotteslästerlich galten. Weil der Tuff im Dreieck zwischen Ürgüp, Zelve und Göreme am weichsten ist, sind hier die meisten Kirchen zu finden, ebenso wie die meisten Touristen und selbstverständlich auch die meisten Riesen. Jetzt sammeln vor der Teppichweberei bereits die Frauen die Webschiffchen ein und verpacken ihre zwei Meter breiten Holzrahmen, um sie vor nächtlichem Regen zu schützen. Im Café werden die Holzkohlestückchen für die Wasserpfeife angezündet. Auch die Ballonfahrer sind eingekehrt, berichten von sagenhaften Tälern und spitzen Türmen. Ein Musiker legt seine Saz zurecht, das Saiteninstrument mit dem leicht schrägen Klang, der einen nach wenigen Takten bereits in einen Zustand wohliger Entspannung versetzt, erst recht, wenn alle Männer im Lokal in einen gleichmäßigen Singsang verfallen. Auf dem Heimweg Stille. Kein Geräusch ist zu hören. Nachts schlafen die Riesen von Göreme, das seinen Namen vollkommen zu Recht trägt. Er bedeutet: "Sieh es!"

Anreise: Eine Wanderreise durch Kappadokien mit anschließendem Besuch Istanbuls veranstaltet Trekking-Tours Rudolf Hoffmann (Am Rissener Bahnhof 11, 22559 Hamburg, Tel 040 / 81 96 21 29, Fax 81 96 21 30, Internet www.trh-reisen.de). Die achttägige Tour kostet ab 920 Euro.

Reisezeit: Die Winter im zentralanatolischen Hochland sind kalt und trocken, das Frühjahr regnerisch, der Sommer heiß und wolkenlos. Die beste Reisezeit zum Wandern ist daher im Mai oder im Spätsommer und Herbst, dann sind auch weniger Reisegruppen unterwegs. Das sehenswerte Freilichtmuseum von Göreme ist vom Urlaubsort Antalya einen Tagesausflug entfernt, deswegen ist es im Sommer hoffnungslos überfüllt und die Führungen finden im Drei-Minuten-Takt pro Felsenkirche statt. Ein Besuch lohnt sich entweder frühmorgens oder kurz vor der Schließung.

Vor Ort: Wanderungen in Kappadokien sind auch für Ungeübte möglich. Festes Schuhwerk ist allerdings notwendig, weil die Wege auch schon mal über Stock und Stein führen. Gelegentlich muss ein wenig geklettert werden. Einige Höhlenkirchen sind nur gegen ein geringes Eintrittsgeld zu besichtigen, andere sind nur mit einem Führer zu finden. Viele Höhlenwohnungen, besonders in Göreme, wurden inzwischen zu Hotels oder Pensionen umgebaut. Morgendliche Ballonfahrten bietet an: Kapadokya Balloons Göreme, Tel. 0090 / (0)384 / 271 24 42, www.kapadokyaballoons.com

Literatur: Alle deutschsprachigen Kappadokien-Reiseführer sind momentan vergriffen. Die Suche in Bibliotheken, Antiquariaten oder unter www.zvab.de lohnt sich also. Lesenswert sind insbesondere der Kunst-Reiseführer "Zentralanatolien" (Dumont,1997) sowie das Reise-Taschenbuch "Kappadokien" (Dumont, 1996). Das Buch von Ömer Demir "Kappadokien - Wiege der Geschichte" ist für rund 8 Euro vor Ort erhältlich. Hintergründe über Land und Leute sind in "Kulturschock Türkei" (Reise Know-How Verlag, 14,90 Euro) nachzulesen. Zur literarischen Einstimmung empfiehlt sich der Roman "Memed mein Falke" von Yasar Kemal (Unionsverlag, 9,90 Euro), der den anatolischen Schriftsteller weltbekannt machte, sowie "Der Ochsenkarren. Geschichten aus Anatolien" von Sabahattin Ali (Sindlinger-Buchartz, 8,50 Euro).


Münchener Merkur 05/2002
Ein Märchenwald aus Stein
von Eberhard Unfried

Die Dinger sehen aus wie, äh, naja, wie 3 Die Frauen unserer Wandergruppe feixen angesichts der bizarren schlanken Felsentürme mit dem spitzen Häubchen. " Wie Spargel eben" , sagt Dorothee dann schmunzelnd. Die Türken nennen die steinernen Wahrzeichen Kappadokiens "Feenkamine" (peri bacalari). Man könnte auch eine andere Bezeichnung dafür finden. Die Landschaft in Zentral-Anatolien, ein fantastischer Irrgarten aus bizarren Felsen, lockt Jahr für Jahr mehr Urlauber an. Denn es ist eine Gegend, in der man ungestört wandern und die einmalige Natur genießen kann. Wer den Touristen-Rummel der bekannteren Orte wie Göreme, Ürgüp, Zelve oder Uchisar mit ihren Bus-Stopps und lauten Souvenir-Händlern verlässt, taucht in eine unbekannte, märchenhafte Welt ein. Die Formen, die Farben - alle paar Schritte eine neue Überraschung. Mal ein schneeweißer Fels, der ausschaut, als habe er einen schwarzen Hut auf, dann wieder kommen wir an senkrecht abfallenden Wänden vorbei, die aussehen wie gigantische Orgeln. Das alles sind Spielereien der Natur, gestaltet mit Feuer und Wasser: Gewaltige Vulkan-Eruptionen lieferten vor etwa drei Millionen Jahren die Grundlage. Der Erciyes Dag (3916 Meter), sein Bruder Hasan Dag (3268 Meter) und zahlreiche kleinere Feuerberge bedeckten die weite Umgebung mit Vulkan-Asche, schütteten dünnflüssige Lava darauf, feuerten gewaltige "Balsaltbomben" in die erkaltende Masse, streuten Tuff-Material darüber und bedeckten weite Flächen erneut mit Lava. Die Vulkane trieben es bunt. Es gibt Formationen in Schwefelgelb, Rosa, Rostrot und Grün schimmernd. Als die Vulkane zur Ruhe kamen, entstanden fruchtbare Hochebenen und Kraterseen wie der "Granatapfelsee (Nar Gölü)". Bäche schnitten tiefe Täler in die Ebene und wuschen Felsstrukturen aus, die Kappadokien berühmt gemacht haben. Menschen lernten den weichen Tuffstein schon vor Jahrtausenden zu schätzen: Hier ist es einfacher, Höhlen in den Fels zu schlagen als Steinhäuser zu bauen. Hier siedelten frühe Christen und schufen einzigartige Höhlenkirchen. Und weil es oft kriegerische Auseinandersetzungen gab, grub sich die Bevölkerung in unterirdischen Städten wie in Derinkuyu ein. Ali Kaya, unser Führer, huscht durchs Gebüsch. Wie eine Gams klettert der 33-Jährige über einen Felsvorsprung. Wir kriechen durch einen der vielen Höhleneingänge und machen große Augen: Wir stehen in einer Kirche aus dem 11. Jahrhundert mit drei in den Fels gehauenen Kreuzen. Wir balancieren über schmale Grate, kraxeln durch schmale Rinnen, schieben uns durch Gebüsch, tasten uns durch Höhlen und landen immer wieder in Kirchen, manche mit einfachen Malereien, andere wieder voller Fresken. Ali erzählt - im breitesten Berlinerisch. Er ist nämlich in der Preußen-Metropole aufgewachsen und hatte im Alter von 17 Jahren seinem Vater in die Heimat folgen müssen. Dort studierte er und trägt nun den Titel "professioneller Reiseleiter". Meist begleitet er Bus-Touristen, die einen Ausflug aus der Mittelmeer-Region gebucht haben. Aber am liebsten führt er Trekking-Gruppen. "Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist, sagt Ali, "kann man die Einzigartigkeit dieser Landschaft wirlich erleben.

Veranstalter der hier beschriebenen Reise ist der Outdoor-Spezialist Trekkingtours Rudolf Hoffmann (TRH-Natürlch Reisen), Grete-Nevermann-Weg 16, 22559 Hamburg, Tel. 040/81962-129, Fax 81962-130